"Wiener Zeitung": In Wien sind im Zuge des Life Balls nun Plakate zu sehen, auf denen Elton John zum Kampf gegen Aids auffordert, Bob Geldof sammelt Geld für Hilfsaktionen gegen Ebola. Sie kritisieren einen derartigen Einsatz von Prominenten. Was stört Sie daran?

Ilan Kapoor: Dass dieses Phänomen gut zu den Entwicklungen der letzten 30 Jahre passt. Im Neoliberalismus hat sich der Staat zurückgezogen und nimmt seine soziale Verantwortung nicht mehr wahr. Diese Lücke wird von privaten Organisationen und Individuen gefüllt. Damit hängt alles von ihnen ab - von ihren Projekten, ihren Interessen und auch ihren Vorurteilen. Der Aufstieg der Celebrities und der privaten Organisationen sagt zudem etwas über das Versagen unserer Demokratien aus. Wir befinden uns in einer Postdemokratie. Wir gehen zwar wählen, doch die Parteien unterscheiden sich kaum mehr. So werden Entscheidungen an Experten, Wissenschafter und eben auch Celebrities delegiert, die somit zu einer Art erleuchteten Elite werden. Diese sollen plötzlich wichtige Probleme wie Aids oder die globale Armut lösen, ohne dass sie für die von ihnen propagierten Lösungen Rechenschaft ablegen müssen.

Aber macht der Staat eine bessere Entwicklungspolitik?

Ich sage nicht, dass staatliche Programme frei von Problemen sind. Aber bei ihnen gibt es eine klare Verantwortlichkeit und eine viel stärkere Legitimation.

Muss bei den Aktionen der Stars nicht unterschieden werden? Wenn Angelina Jolie Flüchtlinge besucht, macht sie auf deren Lage aufmerksam, wenn U2-Sänger Bono Vox einen Schuldenerlass für afrikanische Länder verlangt, stellt er konkrete politische Forderungen auf.

Freilich unterscheidet sich die Arbeit einzelner Stars. Aber bleiben wir beim Beispiel von Angelina Jolie. Sie ist eine Mediatorin zwischen der Dritten Welt und ihrem Publikum. Somit geht es immer um ihre Interessen, ihre Gefühle und ihre Äußerungen. In einem Prozess, der von oben nach unten verläuft, wird sie somit zur Patronin der Armen. Die Stars sprechen für die Armen, anstatt diese selbst zu Wort kommen zu lassen. Und darin unterscheiden sich Bono Vox, Angelina Jolie und andere Stars nicht voneinander. Die Medien, die immer Glanz, Glamour und Spektakel suchen, sind dabei ihre Komplizen.