• vom 01.12.2018, 12:00 Uhr

Weltchronik

Update: 02.12.2018, 11:32 Uhr

Altersdiskriminierung

"Ageism ist allgegenwärtig"




  • Artikel
  • Lesenswert (11)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Bettina Figl

  • "Die Alten" gibt es nicht, auch im Alter verliert man nicht das Interesse an Sex, und "positives Altern" ist besser als "aktives Altern", sagt die UN-Expertin Rosa Kornfeld-Matte.

Die unabhängige UN-Expertin Rosa Kornfeld-Matte (mitte).

Die unabhängige UN-Expertin Rosa Kornfeld-Matte (mitte).© UNIS Vienna Die unabhängige UN-Expertin Rosa Kornfeld-Matte (mitte).© UNIS Vienna

"Wiener Zeitung": Laut UN-Berichten nehmen in Europa Sexismus und Rassismus ab, während Altersdiskriminierung zunimmt. Wie äußert sich "Ageism"?

Rosa Kornfeld-Matte: Westliche Gesellschaften betrachten den Lebensverlauf allgemein durch eine Anti-Aging-Linse, und das spiegelt sich in einem sehr negativen Bild des Alterns wieder. Ageism (Altersdiskriminierung, Anm.) äußert sich in diskriminierenden Handlungen, die auf Vorurteilen aufgrund des Alters beruhen. Zum Beispiel, dass ältere Menschen inaktiv, konservativ, unkreativ usw. seien, oder das allgemein negative Image, das das Altersstigma nährt.

Information

Zur Person

Rosa Kornfeld-Matte ist seit 2014 unabhängige UN-Expertin für die Wahrnehmung aller Menschenrechte älterer Menschen. Zuvor war sie Nationaldirektorin des chilenischen Nationaldienstes des Alterns, wo sie die National Policy of Ageing entwarf und umsetzte. Sie hat eine lange Karriere als Wissenschaftlerin und ist die Gründerin des Programms für ältere Menschen an der Pontificia Universidad Católica de Chile. Im November 2018 wurde in Wien im Rahmen einer UN-Konferenz die Vienna Declaration on the Human Rights of older persons verabschiedet.

Was kann man gegen diese Vorurteile tun?

Inklusion, Empowerment und Partizipation von älteren Menschen fördern, das beginnt schon auf Gemeinschaftsebene. Dazu muss man lebenslanges Lernen und die Ausbildung älterer Menschen ermöglichen. Ältere Personen haben Rechte wie alle anderen Menschen auch. Dafür muss Bewusstsein geschaffen werden.

Die größten Probleme älterer Menschen sind laut UN-Umfragen: Angst vor Krankheit, Behinderung und Abhängigkeit, Einsamkeit und Armut (in dieser Reihenfolge). Isolation und Einsamkeit sind im Alter ein Problem, da sie zum Verlust sozialer Integration, Teilhabe und Entmachtung führen und letztendlich mit sozialer Ausgrenzung enden: ältere Menschen verlieren dadurch den Zugang zu Dienstleistungen und können somit nicht mehr alle ihre Rechte ausüben. Die Forschung legt ebenfalls nahe, dass die größte Sorge älterer Menschen darin besteht, einsam und abhängig zu sein oder zu werden.

Welche Verantwortungen gibt es hier, auf persönlicher und auf politischer Ebene?

Im Allgemeinen sind alle Menschen gesellschaftlich dazu verpflichtet, zum Zusammenleben mit Älteren beizutragen. Anzuerkennen, dass ältere Menschen ein aktiver Teil der Gesellschaft sind, ist der erste Schritt. Wir brauchen Raum für Aktivitäten und soziale Integration wie Zusammenkünfte und Treffen, und der Staat ist dazu verpflichtet, soziale Integration zu fördern und zu unterstützen. Wichtig sind auch generationenübergreifende Projekte und Aktivitäten. Wir müssen ältere Menschen als Inhaber von individuellen Rechten betrachten und nicht als eine Art von Menschen, die sozusagen "entsorgt" werden können. Eine Maßnahme könnte darin bestehen, zivilgesellschaftliche Aktivitäten zu unterstützen und ältere Menschen zu ermutigen, selbst für ihre Rechte zu kämpfen, indem sie beispielsweise ein Ehrenamt annehmen oder unterstützen.

Für ältere Menschen mit Krankheit oder Behinderung könnte das schwierig sein, oder?

Das Problem ist für ältere Menschen mit Behinderung noch komplexer, und auch für kranke Menschen stellt der Grad der Abhängigkeit oder die Einschränkung eine zusätzliche Herausforderung dar, die überwunden werden muss. Viele ältere Menschen haben ihren Lebenspartner oder ihre Lebenspartnerin durch Tod oder Scheidung verloren und erzählen, wie schwierig es für sie ist, jemand Neuen zu finden. Das ist ein großes Thema. Ältere Menschen sind individuell höchst unterschiedlich: jeder und jede hat ihre eigene, persönliche Geschichte. Den Verlust eines geliebten Menschen empfinden ältere Menschen zunächst ebenso schmerzhaft und schwierig wie jüngere Menschen. Für Ältere ist es jedoch wesentlich, dass man die Kommunikation mit ihnen aufrechterhält und sie in ihrer sozialen Teilhabe und Integration unterstützt werden.

Können Technologien wie Handy oder Computer dabei helfen?

Ja - vorausgesetzt, ältere Menschen verfügen über die erforderlichen Kenntnisse in Bezug auf deren Nutzung, was natürlich oft eine Herausforderung darstellt. Im Allgemeinen ist ein Werkzeug jedoch nur ein Werkzeug.

Gibt es einen geschlechtsspezifischen Unterschied beim Umgang mit Einsamkeit?

Ja! Die soziale Konstruktion des Geschlechts, sein Imperativ und die verschiedenen Einflussfaktoren sind mitentscheidend dafür, wie jeder Einzelne mit Einsamkeit umgeht. Faktoren wie soziale Fähigkeiten, soziales Ansehen, Lebenswahrnehmungen sowie Lebenserfahrungen bestimmen die Überwindung oder Bewältigung von Einsamkeit.

Sex im Alter ist nach wie vor ein Tabuthema - welche Klischees würden Sie hier gerne aus der Welt räumen?

Die Sexualität älterer Menschen geht nicht verloren und ist bei älteren Männern und Frauen gleichermaßen vorhanden. Es gibt so viele Klischees über ältere Menschen, und dies ist nur eines davon. "Ageism" ist in unserer Gesellschaft allgegenwärtig. Und natürlich werden Frauen mehrfach diskriminiert, weil sie alt und weiblich sind. Dabei sind jene, die als "die Alten" wahrgenommen werden, die heterogenste aller Altersgruppen.

In der Vergangenheit wurde "aktives Altern" beworben, u. a. von der EU. Die Vereinten Nationen kritisieren diesen Ansatz. Wieso?

Aktives und gesundes Altern ist wichtig und daran ist nichts falsch. Dies sollte jedoch nicht auf Aktivitäten und gesunde Ratschläge und Anreize beschränkt sein. "Aktives Altern" war einmal, jetzt geht es um "positives Altern". Positives Altern besteht aus sozialer Integration und einem gesunden Leben, denn das sind die zwei bestimmenden Faktoren. Der dritte und bestimmende Faktor ist der Schutz der Menschenrechte älterer Menschen.

In welchen Bereichen ist der Schutz der Rechte von Älteren besonders notwendig?

Ältere sollen so lange wie möglich ein selbständiges und autonomes Leben führen können. Können sie das nicht mehr, haben sie das Recht auf Information und Aufklärung, und ihre Einwilligung ist entscheidend. Wir wollen Maßnahmen ermutigen, die ältere Personen hinsichtlich einem gesunden Lebensstil und Selbstpflege beraten und leiten. Es sollten Betreuungsmaßnahmen gefördert werden, die die Verschiedenartigkeit älterer Menschen berücksichtigen - und das in allen Bereichen: in der Grundversorgung, der Akutversorgung, der Rehabilitation, der Langzeit- und Palliativversorgung, der Selbstversorgung und in den gerontologischen Diensten. Besonderes Augenmerk liegt auf der Entwicklung von Wohnmöglichkeiten für ältere Menschen, die ihre Unabhängigkeit fördern, auch in öffentlichen Räumen, im Verkehrswesen und in anderen Diensten.

Ihr Wunsch an die Zukunft: Wie soll Altern gestaltet werden?

Viele Gesellschaften altern rasant. Daher muss sichergestellt werden, dass ältere Menschen ein autonomes Leben führen können. Wir brauchen einen Paradigmenwechsel, bei dem ältere Menschen auf allen Ebenen in die Gesellschaft einbezogen werden; von altersfreundlichen Gemeinschaften bis hin zu personenorientierten Betreuungsmodellen, und der die Autonomie und Würde älterer Menschen fördert.

Derzeit klingt "in Würde altern" oftmals noch nach Utopie. Welche Herausforderungen sehen Sie hier?

Die Zunahme chronischer und degenerativer Erkrankungen im Alter stellt die Entwicklung und Umsetzung geeigneter Pflegemodelle für ältere Menschen vor Herausforderungen. Der auf Krankheiten ausgerichtete Ansatz in der Pflege auf verschiedenen Ebenen muss durch effektivere und auf Rechte basierende Modelle ersetzt werden, um den spezifischen Bedürfnissen der heterogensten Altersgruppen gerecht zu werden. Bei der Gestaltung, Umsetzung, Überwachung und Bewertung von Gesetzen, Politiken, Programmen, Strategien und Rahmenbedingungen in den Bereichen Soziales und Gesundheitswesen muss die Achtung und Stärkung der Autonomie älterer Menschen stärker berücksichtigt werden.





Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)


Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2019
Dokument erstellt am 2018-11-30 16:58:39
Letzte Änderung am 2018-12-02 11:32:41


Werbung




Werbung