• vom 11.02.2019, 14:22 Uhr

Weltchronik

Update: 11.02.2019, 16:02 Uhr

Versorgung

Chinas Gesundheitssystem krankt




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Von Wolfgang Liu Kuhn

  • Das Gesundheitssystem in China ist selbst ein Pflegefall. Versuche einer Heilung gestalten sich als schwierig.

Die Krankenhäuser sind überlastet, Fehler bei der Behandlung überraschen kaum.

Die Krankenhäuser sind überlastet, Fehler bei der Behandlung überraschen kaum.© afp Die Krankenhäuser sind überlastet, Fehler bei der Behandlung überraschen kaum.© afp

Peking. "Schon wieder zu spät!" Xu Qi entfährt ein gequältes Seufzen. Dabei ist es noch vor vier Uhr in der Früh, als sie am Peking University People’s Hospital eintrifft. Vor ihr hat sich bereits eine lange Warteschlage mit 100 Personen gebildet, die ersten haben offensichtlich direkt vor dem Eingangstor übernachtet.

Trotz der kühlen Morgentemperaturen herrscht eine aufgeheizte Stimmung, die von den Schwarzmarkthändlern zusätzlich angefacht wird. Sie verkaufen die begehrten Nummern, die später beim Einchecken an der Krankenhausrezeption benötigt werden. Das ist zwar verboten, aber Kontrollen und Schwerpunktaktionen konnten an dieser Praxis nichts ändern. "Ich hasse diese Typen bis ins Mark, aber ohne sie geht es leider nicht", sagt Xu Qi, während sie mit einem Händler um das Ticket feilscht.

Wie so viele andere ist auch sie aus der Provinz angereist, sie leidet an Atemwegsbeschwerden und Schmerzen im Rachenbereich. "Ich habe keine Wahl, alle kommen schließlich nach Peking", klagt sie.

China hat halb soviele Ärzte wie der OECD-Durchschnitt

Die langen Warteschlangen vor den Krankenhäusern sind in China und insbesondere in der Hauptstadt allgegenwärtige Symptome eines kranken Systems. Zwar wurde das Gesundheitssystem vor einer Dekade umgebaut, doch die Strukturprobleme sind nach wie vor gravierend. Für die Betreuung von 1000 Menschen stehen gerade einmal rechnerisch 1,6 Ärzte zur Verfügung; im OECD-Durchschnitt sind es doppelt so viele. Bei den Krankenschwestern und -pflegern klafft die Lücke noch weiter auseinander: Hier kommen auf 1000 Einwohner 1,8 Pflegekräfte, während der OECD-Schnitt bei 8,8 liegt.

Allerdings gibt es nicht nur zu wenig Personal, dieses wird auch an den falschen Stellen eingesetzt. Denn das Prinzip der Versorgung ist dreistufig: Theoretisch sollten sich kleinere Kliniken in Dörfern und Gemeinden um die Basisbetreuung kümmern und kommunale Gesundheitszentren um die etwas anspruchsvolleren Fälle. Tatsächlich strömen die Massen jedoch zu den besser ausgestatteten und spezialisierten Krankenhäusern in den Städten. Dementsprechend überlastet sind diese Einrichtungen, da sich Fachärzte auch um Krankheiten wie Grippe oder Kopfschmerzen kümmern müssen. Oft behandeln sie 200 Patienten pro Tag.

Das führt zu Spannungen. Und Skandalen. Erst im Juli wurden hunderttausenden Kindern fehlerhafte Impfstoffe injiziert, was zwar einen öffentlichen Aufschrei zu Folge hatte, aber kaum noch jemanden wirklich überraschte. An gefälschte und unwirksame Medikamente haben sich die Chinesen längst gewöhnt. Das Misstrauen sitzt tief, nicht nur gegenüber den öffentlichen Stellen und Konzernen, sondern auch gegenüber den Ärzten selbst.

Da die Mediziner vergleichsweise wenig verdienen, haben sie diverse zusätzliche Geldquellen angebohrt. Zum einen ist es nicht unüblich, dass Patienten ihnen mit Geld gefüllte, rote Umschläge überreichen, um so eine bessere oder schnellere Behandlung zu erwirken. Andererseits freuen sich die Mediziner auch über Zuwendungen der Pharmaindustrie, was dazu führt, dass häufig unnötig teure Medikamente verschrieben werden.

Die "weißäugigen Wölfe": Hassobjekt und Prügelopfer

Dem Ruf der Ärzte war das nicht zuträglich. Von den "Göttern in Weiß" ist in China nicht viel übrig, stattdessen redet man von den "weißäugigen Wölfen".

Doch die werden immer mehr zu Freiwild, gewalttätige Übergriffe auf das medizinische Personal häufen sich. Frustrierte Patienten beleidigen Ärzte, bespucken sie oder schlagen sie zusammen. Mitunter enden solche Auseinandersetzungen auch tödlich. Die Antworten der Spitäler auf solche Zwischenfälle sind unterschiedlich. In der südchinesischen Stadt Guangzhou hat das Zhongshan Hospital Kampfsport-Experten angeheuert, welche den Ärzten Selbstverteidigungstechniken beibrachten. Die Spitäler der ostchinesischen Stadt Jinan wurden von privaten Security-Firmen in Hochsicherheitszonen inklusive Metalldetektoren am Eingang umgewandelt. Und die Polizei hat landesweit immer mehr eigene Räumlichkeiten in den Notaufnahmestationen der Spitäler.

Dabei überlegen es sich die meisten Patienten ohnehin schon zweimal, ob sie überhaupt eine Krankeneinrichtung aufsuchen sollen. Denn obwohl 95 Prozent der Bevölkerung zumindest grundversichert ist, kann eine Krankheit nach wie vor ruinöse Folgen haben. Wer sich in Behandlung begeben muss, zahlt trotz der Versicherung einen erheblichen Teil der Kosten selbst, was im Falle von Krebs existenzgefährdende Folgen hat. Ein Beispiel: Eine einzige Packung Nexavar, ein in China zugelassenes Krebsmedikament von Bayer, kostet 3000 Euro. Das jährliche Durchschnittsgehalt eines Chinesen lag 2017 bei 9400 Euro. 3000 Euro für eine Packung, die 14 Tage reicht, sind in den meisten Fällen unerschwinglich.

Unerschwingliche Preise und ein Monatslohn für Antibiotika

Die Regierung versucht, gegenzusteuern. Im Jahr 2016 stellte Präsident Xi Jinping die erste langfristige Blaupause zur Verbesserung des Gesundheitssystems seit der Gründung des Landes im Jahr 1949 vor. Unter dem Namen "Gesundes China 2030" soll der Zugang zu medizinischer Versorgung ausgeglichener und fairer werden, während die Kosten für die Bevölkerung sinken sollen. Langfristig sollen 80 Prozent der Krankheitskosten übernommen werden, womit ein Eigenanteil von 20 Prozent übrig bleibt. Kernziel ist es, die Versorgungsschere zwischen den oft armen, ländlichen Regionen und den stadtnahen Gebieten und Metropolen zu schließen. Vor allem soll das System in großer Zahl Landärzte hervorbringen, also Allgemeinmediziner, nicht Spezialisten.

Das dürfte aufgrund der erwähnten Umstände schwierig werden, denn unter allen Berufsgruppen haben Ärzte mittlerweile den schlechtesten Ruf in China -kaum jemand empfiehlt seinem Kind heute noch, Arzt zu werden. Zwar sollen die Gehälter der Ärzte als Anreiz für die Berufsergreifung angehoben werden, doch Xu Qi wird das nicht mehr helfen. Sie schimpft, als sie das Spital verlässt: "Den ganzen Tag habe ich warten müssen, und jetzt ist ein Monatslohn für Antibiotika weg. Ich glaube, dieses Krankenhaus hat mich krank gemacht."





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Copyright © Wiener Zeitung Online 2019
Dokument erstellt am 2019-02-11 14:29:11
Letzte Änderung am 2019-02-11 16:02:14



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