• vom 11.01.2013, 19:03 Uhr

Weltchronik

Update: 11.01.2013, 19:03 Uhr

Iran

"Wir führen ein Leben in Angst und Schrecken"




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Von Arian Faal

  • Seit 1979 wurden im Iran rund 8000 schwule Männer hingerichtet - Feldzug gegen "westliche Laster"
  • Irans schwule Community nutzt Internet und Privatpartys als "Schlupflöcher".

Der Henker prüft die Schlinge: Auf Homosexualität steht im Iran die Todesstrafe. - © epa

Der Henker prüft die Schlinge: Auf Homosexualität steht im Iran die Todesstrafe. © epa

Teheran. Farhad sitzt mit zitternden Händen in einem kleinen Café im reichen Norden Teherans. Er trägt eine dunkle Sonnenbrille, damit man seine Augenringe nicht sieht. Er ist groß, muskulös, seine Augenbrauen sind gezupft und er trägt ein T-Shirt von Dolce & Gabbana. Letzteres ist in Teheran für junge Männer neben einigen anderen Indizien ein Code dafür, dass das Gegenüber ein "Gol" (Blume) ist, was ein Synonym für schwul darstellt. Farhad ist 22 Jahre alt und wird demnächst sein Sprachstudium beenden. Im Großraum Teheran leben rund 16 Millionen Menschen, etwa 13 Millionen davon sind unter 29 Jahre alt. Sechs bis zehn Prozent davon sind schwul, so die Schätzungen.

Das Internet und die privaten Partys sind die "Treffpunkte der Community". Hier kann man sich austauschen, diskret kennenlernen und mit Hilfe der sogenannten Filterbrecher auch virtuell in Kontakt bleiben, denn die schwulen Seiten sind im Iran alle gesperrt.


Im "schwarzen Paradies"
"Wir führen ein Leben in Angst und Schrecken, wo soll ich denn anfangen?", flüstert er. Vor wenigen Tagen wurde sein Freund Mehdi von den paramilitärischen Bassij-Milizen bei einer Party verhaftet und ist seither verschollen. Mit seiner Familie kann Farhad darüber nicht reden. Mit Mehdis Familie auch nicht, denn beide Familien wissen nichts vom Doppelleben ihrer Söhne. Zu Hause "spielen" sie die braven, wohlerzogenen Hetero-Söhne, die ihr Studium absolvieren und regelmäßig mit Mädchen ausgehen. Doch daneben führen sie seit Jahren "ihr kleines Leben im schwarzen Paradies", wie Farhad es auf den Punkt bringt. "Wir hatten nichts, nur diese wenigen Momente, wo wir irgendwo hingegangen sind, wo wir alleine sein konnten und haben uns dann stundenlang nur festgehalten, umarmt und geweint. Wir haben uns immer wieder gefragt, warum man uns für etwas verurteilt, für das wir nichts können. Wie oft haben wir nicht verstanden, warum wir nicht heterosexuell sein können und uns dieses ganze Versteckspiel sparen können", resümiert Farhad. "Jetzt, wo Mehdi nicht mehr da ist, habe ich Selbstmordgedanken. Sie können sich gar nicht vorstellen, was es heißt, so ein Leben zu führen. Es ist schon richtig, es gibt tausende Homosexuelle in Teheran, die leben so nach dem Motto ,Sprich nicht darüber und leb dein Leben`, aber irgendwann zerfrisst es dich innerlich."

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Schlagwörter

Iran, Homosexualität, Scharia

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Dokument erstellt am 2013-01-11 18:56:06
Letzte Änderung am 2013-01-11 19:03:55


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