• vom 02.02.2013, 08:30 Uhr

Weltchronik


China

Arbeiten für Hongkongs Triaden




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Von WZ-Korrespondent Patrick Böhler

  • Ex-Elitesoldat Chris Thrall war Gauner, Türsteher und lausiger DJ.
  • "Ich machte mich auf nach Hongkong, um reich zu werden" - doch er schlug hart am Boden der Realität auf.

Die Stadt mit dem britisch-chinesischen Hybriddasein verspricht schnelles Geld, doch die dunkle Seite ist geprägt von Kriminalität, Armut und Prostitution. AJ Libunao

Die Stadt mit dem britisch-chinesischen Hybriddasein verspricht schnelles Geld, doch die dunkle Seite ist geprägt von Kriminalität, Armut und Prostitution. AJ Libunao

Hongkong. Die Wirtschaftskrise zieht Europäer nach Asien und vor allem nach Hongkong, die kosmopolitische chinesische autonome Region und ehemalige britische Kronkolonie, die sich Linksverkehr, königliche Straßennamen und Pferderennen bewahrt hat.

Die Stadt, in ihrem zeitlosen britisch-chinesischen Hybrid-Dasein, verspricht viel: niedrige Arbeitslosigkeit und Steuern, leichte Aufenthaltsgenehmigungen. Zum zweiten Jahr in Folge nannte das Weltwirtschaftsforum in Davos die Stadt das führende Finanzzentrum der Welt. Es wird hier mehr Wein verkauft und Kunst auktioniert als in New York, Paris oder London. Kein Wunder, dass letztes Jahr doppelt so viel Franzosen in der Stadt gelebt haben als vor der Wirtschaftskrise.


Hongkong, wo Festland-Chinesen vor Louis-Vuitton-Läden Schlange stehen und ein Winzer seine Trauben aus den Vereinigten Staaten einfliegen lässt, ist zweifelsohne reich. Doch dieser Reichtum ist mehr und mehr einer kleinen Elite vorbehalten, während 1,2 Millionen Menschen in der Acht-Millionen-Einwohner Stadt in Armut leben. Laut Zahlen des städtischen Sozialamtes ist in den letzten fünf Jahren das Durchschnittseinkommen der obersten 10 Prozent um 60 Prozent gestiegen während jenes der untersten 10 Prozent um 20 Prozent gefallen ist.

Zentrale der 14K Triade - der Nachtclub "Neptun".

Zentrale der 14K Triade - der Nachtclub "Neptun". Zentrale der 14K Triade - der Nachtclub "Neptun".

Die dunkle Seite Hongkongs ist geprägt von Armut und Kriminalität. Im Jänner fasste die Grenzpolizei Schmuggler, als sie mit einem Pkw eine halbe Tonne Silber vom Festland brachten. Anfang Jänner konfiszierten Zollbehörden die fünfte Tonne Elfenbein in vier Monaten aus Kenia. Zu Weihnachten stürmte die Polizei ein Waffenlager der Triaden, jener "schwarze Gesellschaft" im Untergrund, die illegales Glücksspiel, Prostitution, Menschenhandel und Schmuggel in der Stadt mit einer der größten Häfen der Welt kontrolliert.

Chris Thrall, ein ehemaliger britischer Elitesoldat, hat den Hongkonger Traum des Reichtums gesucht und ihn nicht gefunden. Anstelle von schnellem Reichtum fand er Drogenabhängigkeit und schlussendlich Arbeit bei den Triaden. Den Absturz in Kriminalität und Drogenabhängigkeit hat der Green Beret überwunden, seine Zeit im Hongkonger Untergrund in einem Bestseller niedergeschrieben und ein Computerspiel, "Sleeping Dogs", inspiriert. "Natürlich geht es im Spiel um Gewalt - die Realität ist doch ein wenig harmloser", sagt er.

Gauner, Türsteher, Obdachloser
"Ich machte mich auf nach Hongkong, um reich zu werden, und war voller Zuversicht", sagt Thrall. "Ich war sofort süchtig nach der Stadt, nach ihrem Essen, den Menschen, der Sprache." Die Geschäftsidee, die ihn nach Hongkong brachte und für die er seinen Dienst bei den britischen Royal Marine Commandos beendete, brachte ihn 1996 - er war damals praktisch bankrott - in die damalige Kronkolonie in ihrem letzten Jahr vor der Rückgabe an China. Sein Plan: Er verkaufte Werbefläche in einer imaginären Zeitung und Computerchips für einen Hongkonger Händler, der sich mit einem europäischem Gesicht mehr Umsatz versprach.

Eines Tages, nachdem er in einem Bürogebäude in Causeway Bay das Stiegenhaus herausstürmte, weil ein Kunde - selbst Herausgeber - seine Täuschung durchschaut hatte, suchte er Zuflucht in Crystal Meth, der synthetischen Droge, die damals wie heute in den engen Gängen des berüchtigten Chungking Mansions erhältlich ist, einem 17 Stockwerke hohen Bau im Herzen Kowloons mit pakistanischen Curry-Restaurants, nigerianischen Internet-Cafes und Drogenhändlern jeglicher Herkunft.

Kleine Jobs im Rotlichtviertel Wanchai
Nach Monaten als Türsteher in den Nachtklubs im Rotlicht Viertel Wanchai versuchte sich Thrall als DJ in Festland-China, nach wenigen Wochen bemerkten die Besitzer seine Unerfahrenheit und setzten ihn wieder in Hongkong ab, wo er obdachlos dahinvegetierte, bis ein ehemaliger Türsteher-Kollege verschwand und er dessen Job übernehmen konnte. Gemeinsam mit einem Laufboten namens Chee Chu und einem Mörder namens Dai Su wurde er Türsteher des im Club "Neptune 2", einem, wie er sagt, Nachtclub der 14K Triade. Im Buch nannte er den Club "Nemo". "Dai Su verschwand gelegentlich aufs Festland, wo er Aufträge erledigte, dann wurde er wieder zurückgeschmuggelt."

Die 14K Triade ist neben der Sun Yee On Hongkongs größte Triade. Nach dem Sieg der Kommunisten in Festland-China 1948 vom fliehenden republikanischen Offizier Ge Zhaohuang in Hongkong gegründet, hat die Vereinigung tausende Mitglieder in der ganzen Welt. Im Dezember wurde der ehemalige "Drache" oder Boss der 14K Triade im benachbarten Macao Wan Kuok-koi nach fünfzehn Jahren Haft entlassen. Er führte einen Bandenkrieg um die lukrativen VIP-Tische der Kasinos in Macao, das mittlerweile längst Las Vegas überholt hat, und scheiterte beim Versuch, den Polizeichef der damals noch portugiesischen Kolonie mit einer Autobombe zu töten. Macaos Polizei richtete eine Spezialeinheit für seine Bewachung ein, als seine Freilassung Sorge um die Rückkehr zur alten Bandenkriminalität brachte.

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Dokument erstellt am 2013-02-01 17:26:09
Letzte Änderung am 2013-02-01 17:56:29


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