• vom 03.03.2015, 18:35 Uhr

Weltchronik

Update: 03.03.2015, 20:13 Uhr

China

Kritik unter der Glocke




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Von WZ-Korrespondent Wu Gang

  • Eine Online-Dokumentation über die Luftverschmutzung in China wird zum Straßenfeger.

Chinas Luftverschmutzung - im Bild eine Aufnahme vom 16. Jänner aus der Shandong Provinz - wird in einem viralen Video angeprangert.

Chinas Luftverschmutzung - im Bild eine Aufnahme vom 16. Jänner aus der Shandong Provinz - wird in einem viralen Video angeprangert. Chinas Luftverschmutzung - im Bild eine Aufnahme vom 16. Jänner aus der Shandong Provinz - wird in einem viralen Video angeprangert.

Peking. "So wird Geschichte gemacht. Wenn tausende gewöhnliche Menschen eines Tages sagen: Nein, ich bin nicht zufrieden, ich will nicht warten. Ich möchte aufstehen und einen kleinen Teil beitragen", sagt die Chinesin Chai Jing am Ende ihrer Dokumentation "Qiong Ding Zhi Xia - Unter der Kuppel". In den 104 Minuten davor haben die Zuseher ziemlich viel von Chai Jing gesehen, die einen holprigen Mix aus bereits bekannten Bildern der Luft- und Umweltverschmutzung in China, persönlichen Erinnerungen und wissenschaftlichen Erläuterungen präsentiert. Die Machart erinnert stark an "Eine unbequeme Wahrheit", dem Dokumentarfilm des ehemaligen US-Vizepräsidenten und Präsidentschaftskandidaten Al Gore über die globale Erwärmung. Nicht gerade der Stoff, aus dem "virale" Phänomene im chinesischen Internet gemacht sind, das sich üblicherweise eher für schmusende Kätzchen und die aktuelle Meisterin im Poledancing begeistert. Doch der Film wurde innerhalb weniger Tage nicht nur zu einem Hit, er wurde zu einem landesweit diskutierten Phänomen mit 155 Millionen Aufrufen auf chinesischen Video-Plattformen wie Youku oder Sohu. Pro Tag.

Bereits vorher bekannt war die Urheberin Chai Jing als ehemalige Moderatorin beim Staatssender CCTV. Die 39-Jährige betreute Reportagen über den Ausbruch der Seuche Sars, Unfälle in Kohlebergwerken oder das Erdbeben von Wenchuan 2008.


Im Jänner 2013 erfuhr sie, dass sie schwanger sei, und genau an dieser Stelle setzt auch ihr Film ein, der eine dramatisch himmelwärts strebende Grafik zeigt: die Feinstaubwerte von Peking, die in einer Nacht auf einen Wert von 800 Mikrogramm pro Kubikmeter nach oben geschnellt waren.

Offiziell endet die Skala bei 500 Mikrogramm; die Zahlen übertrafen damals den von der Weltgesundheitsorganisation WHO empfohlenen Grenzwert um das 32-Fache. "Ich habe mich davor nie vor der Verschmutzung gefürchtet und nie eine Maske getragen. Aber wenn man ein Leben in sich trägt und dafür verantwortlich ist, was es atmet, isst und trinkt, dann bekommt man Angst", sagt Chai in ihrem Film. Sie brachte ihr Baby in den USA zur Welt - ein Umstand, der ihr zu Hause viel Kritik einbringen würde. Das Kind litt prompt an einem gutartigen Tumor, der operativ entfernt werden musste.

Chai Jing macht in ihrem Film die Luftverschmutzung zwar nicht direkt für den Tumor ihrer Tochter verantwortlich, diverse Schnitte auf Kinder mit Atemschutzmasken legen diesen Schluss jedoch nahe. Sie selbst sagt, die aus Eigenmitteln finanzierte Dokumentation, die zirka 150.000 Euro gekostet hat, sei "ihre persönliche Mission" gegen den Smog, von dem 600 Millionen Chinesen betroffen sind. Dabei übt sie auch relativ couragierte Kritik an der Regierung, ohne jedoch die Verantwortungsträger beim Namen zu nennen. So prangert sie beispielsweise die laxe Durchsetzung bei den Emissionsstandards an, kritisiert die weitreichende Korruption im Energiesektor des Landes und die hinterherhinkende Durchsetzung von Treibstoffregulativen.

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Schlagwörter

China, Umweltverschmutzung

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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2015-03-03 18:38:04
Letzte Änderung am 2015-03-03 20:13:09


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