• vom 28.05.2015, 06:29 Uhr

Weltchronik

Update: 28.05.2015, 18:42 Uhr

Indien

"Frauen sind für sie nichts wert"




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Von Daniel Bischof

  • Die britische Regisseurin Leslee Udwin im Interview über Vergewaltigungen in Indien und ihren neuen Dokumentarfilm.

Vergewaltigung ist ein Tabuthema in Indien. Udwins Film wurde dort verboten. - © Stanislav Jenis

Vergewaltigung ist ein Tabuthema in Indien. Udwins Film wurde dort verboten. © Stanislav Jenis

Es war ein Verbrechen, das die Welt empörte: Die Massenvergewaltigung und der Tod der indischen Medizinstudentin Jyoti Singh Pandey löste internationales Bestürzen und wochenlange Proteste in Indien aus. Die 23-jährige Frau befand sich am 16. Dezember 2012 nach einem Kinobesuch in Delhi auf dem Nachhauseweg mit einem Freund. Von mehreren Männern wurden sie in einen privaten Bus gelockt, der vorgab, in ihre Richtung zu fahren. Die Männer schlugen Jyotis Begleiter bewusstlos, vergewaltigten und folterten die junge Frau. Am 29. Dezember erlag Jyoti ihren schweren inneren Verletzungen.

Jyotis Schicksal ist in Indien kein Einzelfall: Laut Regierungsangaben wird in Indien alle zwanzig Minuten eine Frau vergewaltigt. Trotz zahlreicher Proteste sind diese Verbrechen in Indien noch immer ein Tabuthema. Das musste auch die britische Regisseurin Leslee Udwin erfahren, die den Dokumentarfilm "Indias’s Daughter" über Jyotis Schicksal und die Rolle der Frau in Indien gedreht hat - ihr Film wurde im März 2015 von den Behörden in Indien verboten. Mit der "Wiener Zeitung" sprach die Regisseurin über ihren Film, persönliche Erfahrungen und die Situation in Indien.

Information

Leslee Udwin ist eine britische Regisseurin. "Indias’s Daughter" ist der erste Dokumentarfilm der 57-Jährigen, die bisher hauptsächlich als Feature-Filmmacherin tätig war. Anlässlich einer Vorführung im Rahmen der Organisation "Cinema for Peace" präsentierte sie ihren Film am Dienstag im Wiener Schikaneder. Udwin berät derzeit die UN-Menschenrechtskommission in Bildungsfragen und der Schaffung eines globalen, gender-sensiblen Curriculums.


"Wiener Zeitung": Frau Udwin, für Ihren Film haben Sie auch die Mörder und Vergewaltiger von Jyoti im Gefängnis interviewt. In einem Statement für den Film haben Sie geschrieben, dass eines Sie dabei besonders überrascht hat: Die Männer seien keine Monster gewesen, sondern normale, gewöhnliche Menschen. Doch wie können "normale Menschen" solch ein Verbrechen begehen?

Leslee Udwin: Das hat einen kulturellen Hintergrund. Weltweit sind Frauen Bürger zweiter Klasse - selbst in den zivilisiertesten Ländern. Wir haben immer schon in einer Männerwelt gelebt, in der die Meinungen der Frauen kaum repräsentiert wurden. Das ist in Ausmaß und Charakteristik, von Land zu Land unterschiedlich. In Indien ist es extrem: Frauen werden streng kontrolliert - ihnen wird gesagt, wo, wann und mit wem sie wohin gehen, was sie anziehen sollen. Das hat natürlich auch die Vergewaltiger, die normale Mitglieder der indischen Gesellschaft waren, beeinflusst: Sie wurden seit ihrer Geburt von der Gesellschaft dazu programmiert, eine gewisse, negative Grundeinstellung gegenüber Frauen eingetrichtert. Frauen sind für diese Männer nichts wert. Und weil sie nichts wert sind, kann man mit ihnen nach Belieben machen, was man will.

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Dokument erstellt am 2015-05-27 18:05:04
Letzte Änderung am 2015-05-28 18:42:38


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