• vom 10.08.2015, 20:00 Uhr

Weltchronik

Update: 10.08.2015, 20:43 Uhr

Ägypten

Der Geist des Koran




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Von WZ-Korrespondent Markus Schauta

  • Ein Rechtsgelehrter, der religiöse Urteile fällt: Hasan al-Kindi vom Kairoer Fatwa-Amt.



Das ägyptische Fatwa-Amt spricht monatlich rund 50.000 Fatwas aus. Fatwas sind Antworten auf Fragen von Muslimen aus aller Welt, die wissen wollen, wie sie sich richtig im Sinne des Islam verhalten sollen. Der islamische Rechtsgelehrte Hasan Al-Kindi leitet die deutsche Abteilung des Fatwa-Amtes in Kairo.

"Wiener Zeitung": Warum brauchen Muslime ein Fatwa-Amt, das ihnen sagt, was richtig und was falsch ist?


Hasan Al-Kindi: Jemand, der sein Leben dem Islam entsprechend leben will, braucht Kenntnisse. Es geht nicht nur darum, in die Moschee zu gehen und das Gebet zu verrichten. Der Islam deckt alle Lebensbereiche ab: das soziale Leben, das Wirtschaftsleben, Familien- und Erbrecht. Nicht jeder Muslim hat die Möglichkeit, sich ein derart umfangreiches Wissen anzueignen. Er wird also im Laufe des Lebens in Situationen geraten, in denen er nicht weiß, wie er sich richtig zu verhalten hat. Und so erhält das Fatwa-Amt monatlich etwa 50.000 Anfragen aus aller Welt.

reuters/Nyimas Laula

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Ist eine Fatwa bindend?

Eine Fatwa ist ein Rechtsgutachten, das eine Empfehlung erteilt. Das Fatwa-Amt bemüht sich, in komplexen Fragen, wo es aufgrund der unterschiedlichen Rechtsschulen mehrere Antwortmöglichkeiten gibt, diese zu berücksichtigen. Es gibt insgesamt acht große Rechtsschulen im Islam, die mitunter zu einer Frage unterschiedliche Antworten geben. Das ist legitim, solange man eine Antwort aufgrund von Quellentexten begründen kann. Jeder Muslim kann der Rechtsschule folgen, von der er glaubt, dass sie für ihn am besten ist.

Wie viele Anfragen erhalten Sie von deutschsprachigen Muslimen?

Die deutsche Abteilung des Fatwa-Amtes gibt es seit 2006. Bisher haben wir gut 1000 Fatwas ausgesprochen. Heute haben wir 20 bis 40 Anfragen pro Monat. Ich übersetze jede Anfrage ins Arabische und schicke sie an jenen Sheikh, der Spezialist auf dem Gebiet ist. Dieser antwortet und ich prüfe seine Fatwa unter Berücksichtigung der europäischen Kultur und Mentalität. Bin ich mit seiner Antwort nicht einverstanden, schicke ich die Frage zurück zur Überarbeitung. Beharrt der Sheikh auf seiner Meinung, habe ich die Möglichkeit zum Mufti zu gehen, dem obersten Rechtsgelehrten des Fatwa-Amtes. Er fällt dann die letzte Entscheidung.

Was beschäftigt die europäischen Muslime?

Zumeist sind es Probleme, die sich ergeben, wenn Muslime in einer nicht-muslimischen Gesellschaft leben. Etwa wenn der Muslim in der Arbeit sein Gebet nicht sprechen kann - soll er deshalb kündigen? Es kommen viele Fragen zum Fasten; Fragen zum Wirtschafts-, Familien- und Erbrecht: Mein Vater ist gestorben, er war Christ, ich bin Muslim. Darf ich von ihm erben? Fragen zur Sexualität: Onanie, verschiedene Praktiken im Sex.

Die Fragen erstrecken sich auf alle Lebensbereiche. Ein Beispiel: Ein deutscher Muslim ist bei einem Freund zum Essen eingeladen. Dieser sagt, er werde kein Schweinefleisch kochen. Der Muslim weiß aber, dass der Topf an anderen Tagen zum Kochen von Schweinefleisch benutzt wird. Daher fragt er sich, ob er die Einladung annehmen darf. Der Sheikh sagte nein, denn der Topf sei durch das Schwein unrein.

Ich war damit nicht einverstanden: Soll der Muslim zum Freund sagen, tut mir leid, dein Topf ist schmutzig, ich darf daraus nicht essen? Wie wird dieser Freund reagieren? Vielleicht ist die Freundschaft gefährdet. Ich verwies daher auf Imam Malik (Anm.: Malik ibn Anas, Begründer der malikitischen Rechtsschule). Er sagte, dass jedes lebende Wesen rituell rein sei, auch das Schwein. Der Sheikh sah dies ein und so wurde empfohlen, die Einladung anzunehmen.

Aufgrund welcher Quellen werden Fragen zur Internetnutzung, TV und anderen Phänomenen des modernen Lebens beantwortet?

Natürlich sind wir heute mit Situationen konfrontiert, die es so zur Zeit des Propheten und seiner Gefährten nicht gab. Ein Rechtsgelehrter, der zu einer Frage nichts expressis verbis in den Quellen findet, muss den Geist des Koran verstehen. Und hier gilt: Der Islam ist eine Religion, die es den Menschen leicht machen will. Allah will für die Menschen die angenehme, nicht die missliche Lage. Auf dieser Grundlage darf der Muslim in Rechtsfragen jener Auslegung folgen, die für ihn am günstigsten ist.

Ein Beispiel sind Zinsen, ein Begriff, den wir so im Koran nicht finden. Nach islamischem Recht handelt es sich hierbei um einen "unerlaubten Zuwachs", weil er nicht auf Gegenleistung beruht. Es gibt allerdings eine Sonderregelung für Muslime, die im Westen leben. Die Begründung: Als es den muslimischen Staat in Medina noch nicht gab, schlossen Muslime Verträge mit Nicht-Muslimen in Mekka. Der Rechtsgelehrte Abu Hanifa schloss daraus, dass Muslime in nicht-muslimischen Ländern Verträge abschließen dürfen, die hinsichtlich des islamischen Rechts Mängel aufweisen. In einem muslimischen Staat sind also Zinsen nicht erlaubt. Gehe ich aber in Europa zu einem Nicht-Muslim, der mir Geld leiht und Zinsen will (oder umgekehrt), bin ich einverstanden. Nach Abu Hanifa ist das rechtsgültig.

Auf der Website des Amtes ist eine Fatwa veröffentlicht, die sich zum gemeinsamen Unterricht junger Männer und Frauen äußert. Es spreche nichts dagegen, solange die Frau dezente weite Kleidung trage und ihren Blick gesenkt halte. Warum stellen die Rechtsgelehrten den Sex so sehr in den Vordergrund?

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2015-08-10 15:23:05
Letzte Änderung am 2015-08-10 20:43:13


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