• vom 15.12.2015, 21:00 Uhr

Weltchronik

Update: 17.12.2015, 19:02 Uhr

Karate

Alisa und die starken Mädchen




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Von Tamara Arthofer

  • Gewalt gegen Frauen ist in Indien alltäglich - mit Karateprojekten, unter anderem mit Europameisterin Alisa Buchinger, soll das anders werden.



Bodhgaya. Die ersten Eindrücke waren ein Schock, selbst für eine wie sie, die als Spitzensportlerin quasi Globetrotterin von Berufs wegen ist: Zuerst ein "schäbiges Hotel, das man schon fast nicht mehr als Hotel bezeichnen kann", dann eine irrwitzige Fahrt in einem "kleinen Tuck-Tuck über Straßen, die eigentlich keine Straßen", dafür aber von Kindern gesäumt sind, die bestenfalls zerrissene Gewänder tragen; daneben werden Lebensmittel verkauft und Müll verbrannt. So schildert Alisa Buchinger der "Wiener Zeitung" ihre ersten Eindrücke von ihrer jüngsten Indien-Reise. "Man hört natürlich diese Geschichten, aber wenn man es selbst sieht - das war anfangs extrem schwierig", sagt sie.



Es war Mitte November, als Buchinger, 23 Jahre alt und Karate-Europameisterin aus Salzburg, hier in Indien gelandet ist - nicht zu einem Wettkampf mit Transfer zwischen Flughafen, Hotel, Sporthalle und retour, sondern rein ins Leben der Ärmsten. Als Projektpatin der in Österreich ansässigen Hilfsorganisation Sonne-International bereiste sie zu jener Zeit den nordöstlichen Bundesstaat Bihar, den drittbevölkerungsreichsten des riesigen Landes, der zugleich als instabilster und ärmster gilt. Ein Großteil der Dorfbevölkerung gehört der untersten Kaste an, gerade Frauen haben hier kaum Zugang zu Bildung und noch weniger zu Sport, Gewalt gegen sie ist alltäglich. Mit dem Betrieb von drei Schulen, an denen auch Karateunterricht und Sensibilisierungs-Workshops abgehalten werden, will die NGO mithelfen, diese Umstände zu verbessern.

Information

Sonne

Spendenkonto Bawag PSK IBAN: AT79 6000 0005 1006 1977 Empfänger: Sonne-International Betreff: Selbstverteidigungskurse für indische Mädchen

www.sonne-international.org

Von Anfang an hat Buchinger ihre Unterstützung zugesagt - als Zugpferd mit ihrem Namen und als Vorbild für die Kinder, die sie nun selbst besuchte und trainierte. Denn Karate - mit seinen vielfältigen Arm- und Bein-Techniken - eignet sich nicht nur zur sportlichen Betätigung, sondern auch ideal zur Selbstverteidigung. Und die ist gerade für Mädchen und Frauen in Indien besonders wichtig, viel zu oft wäre sie überlebensnotwendig. Berichte von Massenvergewaltigungen und zu Tode gequälten Frauen rütteln die Weltöffentlichkeit in regelmäßigen Abständen auf und führen zu Rufen nach Schutz- und Präventionsmaßnahmen - nur um dann, zumindest in Europa, ebenso schnell wieder aus dem kollektiven Gedächtnis gedrängt zu werden.

"Gefährlich für Frauen"

Auch im Land selbst hat sich trotz einer Verschärfung der Gesetze wenig verändert, kritisieren Menschenrechtsorganisationen. Knapp drei Jahre nach jenem tödlichen Überfall auf eine Studentin, der weltweit durch die Medien ging, und kurz vor der geplanten Freilassung eines der Angreifer meldete sich nun auch der Vater der getöteten Frau mit scharfen Tönen zu Wort: "Die Regierung hat die Zeit und das Geld, aber nicht den Willen, um etwas zur Verbesserung der Sicherheit von Frauen zu tun", sagte er am Mittwoch.

Alleine nach Angaben der Regierung wird in Indien alle 22 Minuten eine Frau vergewaltigt, dazu kommen tagtäglich andere Formen der Gewalt. Wie viele Straftaten tatsächlich an Frauen begangen werden, ist schwer einzuschätzen, auch weil viele aus Scham oder Verharmlosung durch die Behörden nie zur Anzeige kommen. Den Eindruck, dass man als Frau in gewissen Gebieten lieber nicht alleine auf die Straße gehen sollte, bestätigt allerdings auch Buchinger. "Es ist definitiv gefährlich, und man spürt auch ständig die Blicke der Männer", erzählt sie.

In den Dörfern, in denen die drei Sonne-Schulen betrieben werden, ist man mittlerweile aber sensibilisiert, sagt Projektleiter Armin Mösinger. Als das Sportprojekt mit Hilfe des Sportministeriums im Oktober 2014 an den Schulen implementiert wurde, habe man natürlich Aufklärungsarbeit leisten müssen; den Wozu-brauchen-wir-das-Reflex kennt man auch dort, gerade wenn es ohnehin an allem mangelt, an Essen, Bildung, Gesundheitsvorsorge. "Aber die schlechte gesellschaftliche Stellung der Frau ist genauso ein Mangel. Viele Eltern sind besorgt, es gibt immer mehr, die an uns herantreten und fragen, ob wir noch Kapazitäten haben", sagt Mösinger.

Demnach kommt rund die Hälfte der Kinder mittlerweile gar nicht aus den Schulen zu den Kursen, sondern aus den umliegenden Dorfgemeinschaften.

"Kinder haben Kraft gegeben"

Derzeit sind es etwa 130 Mädchen, die an den drei Standorten auch Karate-Unterricht bekommen; geht es nach Sonne-International, sollen es immer mehr werden. Denn während es auch bei anderen Organisationen ähnliche Projekte gibt, besteht an den öffentlichen Schulen nach wie vor Aufholbedarf. "Hier wollen wir auch öffentlichen Druck aufbauen." Gerade solche Maßnahmen nämlich seien Beispiele, wie man "mit geringen Ressourcen relativ viel bewirken" könne, sagt der Projektleiter - wobei die Sache mit den "geringen Ressourcen" freilich relativ ist.

Weil die Finanzierung des Pilotprojekts durch das Sportministerium im Dezember ausläuft, ist man nun auf Spenden und Patenschaften angewiesen, um es weiter ausbauen zu können. Vom nachhaltigen Erfolg ist er überzeugt: "Man merkt sofort, wie die Mädchen ihre Haltung verändern, selbstbewusster auftreten. Und auch bei den Jungs kann es ein Umdenken bewirken - im Sinne von: Nein, ich kann mir nicht alles erlauben." Auch aus diesem Grund gab es neben den Karate-Trainingseinheiten, in denen Buchinger selbst im wahrsten Sinne des Wortes Hand anlegte und die Mädchen sowie den lokalen Karate-Lehrer mit speziellen Tipps zur Selbstverteidigung versorgte, und der Eröffnung eines neuen Schulgebäudes auch ein großes Sportfest, bei dem die gesamte Dorfgemeinschaft zusammenkam und einer Karate-Vorführung beiwohnen konnte. Die Eindrücke von jenen Tagen haben Buchinger für den ersten Schock schließlich mehr als entschädigt: "Die Kinder geben einem so viel Positives, so viel Kraft. Sie sind so begeistert bei der Sache, wie man es von uns hier nicht kennt.

Hier langweilen sich viele ja schon, wenn sie auch nur eine Stunde ohne Nintendo auskommen müssen. Dort sieht man erst, mit wie wenig man zufrieden sein kann", sagt sie. Diese Erfahrungen hätten sie letztlich auch als Sportlerin weitergebracht. "Man wird gelassener, selbstbewusster. Für mich war es sozusagen der letzte Kick für den letzten Wettbewerb der Saison." Mit durchschlagendem Erfolg: Nur wenige Tage danach holte sich Buchinger den Gesamtweltcupsieg. 





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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2015-12-16 16:38:06
Letzte Änderung am 2015-12-17 19:02:37


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