• vom 17.03.2016, 18:11 Uhr

Weltchronik

Update: 17.03.2016, 19:36 Uhr

London

Fortschritt durch Stillstand




  • Artikel
  • Lesenswert (3)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von WZ-Korrspondent Peter Nonnenmacher

  • Die Londoner Verkehrsbetriebe haben eine Revolution angezettelt, die die ganze Stadt aufwühlt. Auf den Rolltreppen soll künftig auch auf der linken Seite nicht gegangen, sondern gestanden werden.

Idealbesetzung: Wird auf beiden Seiten gestanden, lassen sich viel mehr Fahrgäste befördern als mit einer wenig genützten Überholspur.

Idealbesetzung: Wird auf beiden Seiten gestanden, lassen sich viel mehr Fahrgäste befördern als mit einer wenig genützten Überholspur.© reu Idealbesetzung: Wird auf beiden Seiten gestanden, lassen sich viel mehr Fahrgäste befördern als mit einer wenig genützten Überholspur.© reu

London. Wer London kennt, weiß um die dortigen Gebräuche. Den Einheimischen liegen sie, nach langjähriger Konditionierung, im Blut. Eins der wichtigsten ungeschriebenen Gesetze besagt, dass man auf Rolltreppen in der britischen Metropole rechts steht und links geht - dass also, in kuriosem Gegensatz zum Straßenverkehr, die linke Spur als Überholspur frei bleibt. Das akzeptiert jeder Londoner. Ahnungslose Touristen werden, wenn sie die ganze Treppenbreite beanspruchen, mit einem ungeduldigen "Excuse me!" aus dem Weg gescheucht.

In der U-Bahn-Station Holborn aber ist plötzlich die Welt aus den Fugen. Von Mitte April an soll man dort auch links stehen und nicht nur rechts. Das haben die Londoner Verkehrsbetriebe beschlossen. Von dieser Maßnahme erhofft sich "Transport for London" (TfL) eine schnellere Beförderung seiner Fahrgäste von den Bahnsteigen zur Erdoberfläche. Die Beförderten jedoch sind entsetzt und weigern sich, das Spiel mitzuspielen. Links zu stehen auf der Rolltreppe geht dem Londoner gegen die Natur.


Russland oder Kindergarten?
Einen halben Aufstand löste TfL bereits im vorigen Herbst aus, als es einen ersten Kurzversuch dieser Art in Holborn wagte. "Wollen die uns vielleicht befehlen, wo wir stehen oder gehen sollen?" ergrimmten sich Passagiere, die per Megafon zum Zweier-Aufmarsch vor der Rolltreppe aufgefordert wurden. "Sind wir hier in Russland? Oder im Kindergarten?" Und das waren noch die freundlichsten Kommentare.

Bekümmert schütteln Londons Verkehrsplaner darüber die Köpfe. Schon jetzt wird die älteste Untergrundbahn Europas dem Massenansturm kaum mehr gerecht. An Rekordtagen befördert das System fast fünf Millionen Menschen kreuz und quer durch die Stadt.

Von derzeit 8,6 Millionen Einwohnern soll London bis zum Jahr 2030 auf zehn Millionen wachsen. Immer neue Bahnlinien kommen dazu, ohne dass Stationen wie Holborn wesentlich erweitert werden können. Und immer häufiger verkehrende und schneller sich entladende U-Bahnen sorgen für zusätzlichen Druck.

In dieser Situation hat sich "Transport for London" etwas einfallen lassen. Und zwar das Motto "Fortschritt durch Stillstand" - eine bahnbrechende Idee. Was paradox klingt, macht jede Menge Sinn, bewegungstechnisch gesehen. Die vom Bahnsteig strömenden Massen sollen sich nämlich nicht länger mit dem Einfädeln in der Rechtsspur aufhalten, aus reiner Gewohnheit und zur Vermeidung der linken Spur.

weiterlesen auf Seite 2 von 2




Schlagwörter

London, U-Bahn, Rolltreppen

Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)


Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2019
Dokument erstellt am 2016-03-17 18:17:04
Letzte Änderung am 2016-03-17 19:36:45



Werbung




Werbung