• vom 27.10.2016, 15:15 Uhr

Weltchronik

Update: 28.10.2016, 12:25 Uhr

Südkorea

Einsamer Tod




  • Artikel
  • Lesenswert (9)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von WZ-Korrespondent Fabian Kretschmer

  • Immer mehr Südkoreaner sterben mittellos und sozial isoliert. Ihrer Leichen nimmt sich niemand an. Also landen sie bei Park Jin Ok.



Einsam lebt Pensionist Ham in einer Armensiedlung von Seoul. Um sein Begräbnis wird sich eine NGO kümmern.

Einsam lebt Pensionist Ham in einer Armensiedlung von Seoul. Um sein Begräbnis wird sich eine NGO kümmern.© Fabian Kretschmer Einsam lebt Pensionist Ham in einer Armensiedlung von Seoul. Um sein Begräbnis wird sich eine NGO kümmern.© Fabian Kretschmer

Seoul. Im Seouler Stadtkrematorium ist der Tod ein Massenbetrieb, hochoptimiert und ohne Pausen. Dicht gedrängt schieben sich schwarz gekleidete Trauerzüge durch den Eingang des sterilen Funktionsbaus, an ihrer Spitze tragen sie Porträts der Verstorbenen vor sich her, gefolgt von sperrigen Holzsärgen. In das Schluchzen der Angehörigen mischen sich die Lautsprecherdurchsagen einer Computerstimme. Die zwölf Krematoriumsöfen im Erdgeschoß sind voll ausgelastet, die Aufbahrungshallen im zweiten Stock werden stundenweise vermietet.

In einem der Zimmer richtet Park Jin Ok mit geradezu blinder Präzision einen Traueraltar her. Die Hände in weiße Baumwollhandschuhe gehüllt, legt der 44-Jährige ein Obstbesteck aus Datteln, Äpfeln und Birnen nieder, daneben weiße Plastikchrysanthemen, und gießt einen Schuss Reisschnaps in ein Glas. Nach einer Schweigeminute setzt er zu einer Grabrede an. Auf den Sitzreihen hinter ihm lauschen sein 23-jähriger Praktikant, eine Frau der Bezirksverwaltung und eine buddhistische Nonne in grauem Gewand. Zu viert erweisen sie Kang Cheol In die letzte Ehre - einem Mann, dem sie nie zuvor begegnet sind.

Nun thront sein Konterfei, aufgenommen in den letzten Monaten vor seinem Tod, auf dem Traueraltar. Seine Augen sind glasig, die Nase gerötet, das angedeutete Lächeln wirkt angestrengt. Als Kang Cheol In allein in seiner Wohnung starb, gab es niemanden, der seine Leiche beansprucht hat, und ebenso niemanden, der ihn beerdigen wollte. Er war nur ein weiterer Toter ohne Familie, ohne Freunde und ohne Besitz. Ein klarer Fall für Park Jin Ok.

"Unsere Botschaft richtet sich eigentlich an die noch Lebenden. Wir wollen ihnen ein Versprechen geben: Auch wenn ihr bald sterben solltet, werden wir uns um euch kümmern", sagt der Aktivist beim Leichenschmaus in der Kellermensa des Krematoriums. Serviert wird Yookgaejang, eine scharfe Kräutersuppe, dessen feuriges Rot laut einem schamanistischen Glauben die Seelen der Verstorbenen vor bösen Geistern schützt. Ein weiterer, tief verwurzelter Glaube aus der koreanischen Folklore lautet: Nur wenn die Toten rituell beerdigt werden, können sie ewigen Frieden finden.

Park und sein mobiles Bestattungsteam nehmen diesen Handlungsauftrag ernst. Noch während des Essens gehen sie die Beerdigungen für die restliche Woche durch: Zwei Tote stehen am Mittwochvormittag an, ein weiterer am Freitag. Oft sind es profane Tode; alte Menschen, die scheinbar unbemerkt der Welt entschwinden. Manche Schicksale verfolgen Park Jin Ok jedoch bis in seine Träume: etwa die Mutter, die sich in die Fluten des Han warf, ihr Neugeborenes um den Rücken geschnallt. Am Ende durchlaufen alle Verstorbenen dasselbe rigoros durchgeplante Beerdigungsprotokoll: ein 60-minütiger Abschied ins Jenseits. "Manchmal hoffe ich, dass sich unsere Dienste nicht allzu rasch herumsprechen", sagt Park Jin Ok, halb lächelnd, halb besorgt: "Schon jetzt kommen wir kaum mit den Beerdigungen nach."

Private Spenden

Vor acht Jahren gründete er die Organisation "Good Sharing". Zu jener Zeit wurde erstmals über ein Phänomen berichtet, das die koreanischen Zeitungen "einsame Tote" tauften: Immer mehr Alte verstarben unbemerkt von der Außenwelt, meist in den anonymen Armensiedlungen Seouls. Manchmal dauerte es Wochen, bis ihre Leichname entdeckt wurden, niemand schien sie zu vermissen. Im konfuzianischen Korea war dies bislang unerhört, kindliche Pietät gilt schließlich als höchstes Gut. Die Zahl der "einsame Toten" stieg jedoch beständig an. 1245 Fälle wurden im Vorjahr vermeldet, doppelt so viele wie noch vor fünf Jahren. Dabei erfasst die Statistik nur die Spitze des Eisbergs, die Dunkelziffer dürfte um ein Vielfaches höher liegen.

Wenn es den Bezirksverwaltungen auch nach Monaten nicht gelingt, Angehörige der Toten ausfindig zu machen, landen die Leichen unweigerlich bei Park Jin Oks "Good Sharing". Gemeinsam mit einem Kollegen sowie einem weitverzweigten Netzwerk aus studentischen Helfern, Sozialarbeitern und Geistlichen halten sie deren Beerdigungen ab. Finanziell werden sie dabei von der Stadt Seoul unterstützt, der größte Teil der Gelder kommt jedoch aus privaten Spenden.

Längst reicht es Park Jin Ok und seinem Team nicht mehr, lediglich die toten Körper von den Leichenhallen aufzulesen. Seit einigen Jahren haben sie es sich zur Aufgabe gemacht, die "einsamen Toten" vor ihrem Ableben aufzuspüren - um ihnen ihre letzte, große Angst zu nehmen: keine ordentliche Beerdigung zu erhalten. Seitdem fahren die Aktivisten alle paar Wochen durch die Armensiedlungen der Hauptstadt, in deren Seniorenzentren sich die Dienste von "Good Sharing" bereits herumgesprochen haben. Immer öfter bekommen sie Anfragen von vereinsamten Greisen.

Auch Ham Hak Joon hat Park Jin Ok darum gebeten, einst seine Beerdigung zu übernehmen. Der 88-Jährige sitzt auf dem Futon in seinem Fünf-Quadratmeter-Zimmer, das kaum mehr beherbergt als eine Kleiderstange, einen Reiskocher und einen Ventilator. An der Decke breitet sich Schimmel aus, die Luft ist stickig. Für Gäste hält er Pulverkaffee und Pappbecher bereit. Die meiste Zeit verbringt Herr Ham jedoch alleine. Seine Kinder hat er seit über 15 Jahren nicht mehr gesehen. Wahrscheinlich, sagt er, würden sie ihn auf der Straße nicht wiedererkennen. Dass er nun zumindest seine Beerdigung in sicheren Händen weiß, spende ihm Trost.


weiterlesen auf Seite 2 von 2




Schlagwörter

Südkorea, Altersarmut, Tod, Begräbnis

Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)


Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2016-10-27 15:20:11
Letzte Änderung am 2016-10-28 12:25:04


Werbung




Werbung