• vom 18.11.2016, 06:46 Uhr

Weltchronik

Update: 18.11.2016, 12:47 Uhr

Elfenbeinhandel

Der tödliche Wert des Elfenbeins




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Hängen Waffenhandel, Terrorismus und Elfenbeinschmuggel zusammen?

Die Al-Shabaab-Terroristen, die mit dem IS verbündet sind, finanzieren ihre Waffenkäufe durchaus mit Elfenbein. Es gibt hier direkte Verbindungen, das kommt auch im Film vor. Wir hatten selber keinen unmittelbaren Kontakt mit Al-Shabaab-Terroristen - glücklicherweise -, aber es werden immer wieder Wilderer festgenommen, die zugeben, für den Dschihad aktiv zu sein und mit Elfenbein zu handeln, um Waffen zu kaufen. Einer unserer Protagonisten, Andrea Crosta von Wild Leaks, hat in Somalia an der kenianischen Grenze recherchiert und mit versteckter Kamera festgestellt, dass es Zusammenhänge gibt. Wir wissen das auch aus Geheimdienstkreisen.

Wie hat sich der Markt für Elfenbein entwickelt?

Entscheidend war 2008, als unter dem Washingtoner Artenschutzabkommen ein einmaliger Verkauf von 105 Tonnen Elfenbein nach Asien genehmigt wurde. Botswana, Namibia und Südafrika sollten den Erlös nutzen, um ihren eigenen Elefantenbestand zu schützen. Alle hielten das für eine gute Idee. Doch die Chinesen haben das Elfenbein übernommen und lassen seither jährlich fünf Tonnen in den legalen Markt fließen. Dieses Elfenbein wird dann geschnitzt und in China verkauft. Jetzt haben aber die Luxusshops und Händler bemerkt, wie einfach sich ein Zertifikat, das Elfenbein als legal ausweist, fälschen lässt. Sie nehmen einen illegal importierten Stoßzahn und machen daraus die gleiche Schnitzerei. So können sie unter dem Deckmantel der Legalität agieren, das Zertifikat unendlich oft vervielfältigen - und so das Hundert- oder Tausendfache verdienen. Mit dem legalen Verkauf wurde der illegale Markt belebt.

Gibt es Hoffnung auf einen Mentalitätswandel in China?

Wenn der Handel in China nicht verboten wird, haben die Elefanten keine Chance. Am Ende des Films verkündet der chinesische Präsident Xi Jiping zusammen mit US-Präsident Obama, den Elfenbeinhandel beenden zu wollen. Das war vor einem Jahr. Sie haben also durchaus wahrgenommen, dass es nicht sinnvoll ist, den Handel weiter zu betreiben, weil der Imageschaden zu groß ist. Elfenbein ist ja auch wirklich nicht so wichtig, als dass man sich das alles antut. Es ist nicht Gold, es ist kein Rohstoff, kein Öl oder Gas. Elfenbein ist nur ein Luxusobjekt, das sich manche Reiche auf den Kaminsims stellen wollen.

Das Ganze geht also in die richtige Richtung?

Das Problem ist, dass auch ein Jahr nach der Ankündigung nur von einer Absicht gesprochen wird. Es wurde kein Zeitrahmen genannt. Im Juli hat Hongkong zumindest den ersten Schritt gemacht: Sie planen, den Elfenbeinhandel bis 2021 in Hongkong zu beenden. Das ist aber immer noch kein Gesetz. Selbst wenn China den Handel in fünf Jahren beenden würde, würden noch einmal 150.000 bis 170.000 Elefanten sterben. Experten prognostizieren auch, dass die Wilder, sobald es diese Deadline gibt, versuchen werden, das große Geschäft zu machen. Wenn sie wissen, dass sie noch fünf Jahre haben, dann wird das Abschlachten möglicherweise noch einmal dramatisch zunehmen. Weil sie wissen: Fünf Jahre können wir noch Geld machen, dann ist es vorbei.

Für die Elefanten sieht es also so oder so schlecht aus?

Die Frage ist, wie schnell dieses Verbot kommt. All das, was in Afrika passiert und was wir in unserem Film zeigen, sind nur Methoden, um das Abschlachten zu verlangsamen. Sie können es nicht aufhalten. In Afrika sind viele arme Leute bereit, für zehn Dollar pro Kilo einen Elefanten zu töten. All die Helikopter, die Drohnen, die Ranger haben keine Chance gegen den armen Mann, der bereit ist zu töten, um damit ein bisschen Geld zu machen.

Das Washingtoner Artenschutzabkommen von 1989 verbietet den Elfenbeinhandel. Dennoch wird weiter gehandelt - auch in Europa.

Man muss sich schämen, dass man in Österreich, Deutschland, England noch Elfenbein kaufen kann. Die Tatsache, dass es überhaupt noch Handel gibt, dass zum Beispiel in einem Antiquitätengeschäft in Salzburg zwei Meter lange Stoßzähne in der Auslage liegen, direkt im Stadtzentrum, das ist das falsche Signal. Es sagt: Elfenbein hat einen Wert, Elfenbein ist kostbar, Elfenbein ist etwas, was man bewundern soll. Und genau das besiegelt das Schicksal der Elefanten. Solange Elfenbein diese Wertschätzung hat, solange es etwas Kostbares ist, werden die Leute es kaufen oder gegebenenfalls zurücklegen und hoffen, dass sie es eines Tages zu Geld machen können. Genau das passiert in China: Eine Ermittlung von Wild Leaks hat ergeben, dass dort über 1000 Tonnen Elfenbein in Lagern gehortet werden - in der Hoffnung, dass die Elefanten aussterben und diese Tonnen dann Milliarden bringen. Der Begriff hierfür lautet "Betting on Extinction". Es ist eine Wette aufs Aussterben.

Der Elefant ist ein wahnsinnig symbolträchtiges Tier. Auch Politiker schmücken sich mit Elefantenschutz. Hilft das nicht?

Politiker nutzen immer die Gunst der Stunde, fragen sich, wie sie Wählerstimmen kriegen. Mit Elefantenpopulationen sind keine Wahlen zu gewinnen, außer man kann die Öffentlichkeit wachrütteln. Die Leute müssten sagen: Wir können nicht zulassen, dass das symbolträchtigste Tier der Welt, der Elefant, der Liebling aller Kinder, vor unseren Augen ausstirbt, weil manche Chinesen sich in Afrika daran bereichern wollen oder es toll finden, Elfenbein in ihre Wohnzimmer zu stellen. Das ist ein Symbolproblem, das wir lösen müssen. Schaffen wir es nicht, den Elefanten zu retten, dann können wir doch nicht ernsthaft glauben, all die anderen Probleme zu lösen, die uns auf der Welt beschäftigen, den Klimawandel zum Beispiel. Den Elefanten zu schützen wäre so einfach: Der chinesische Präsident muss den Handel verbieten. Dann hätten wir die Elefanten gerettet. Die Macht, die ein einziger Mensch hier hat, ist unglaublich.




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2016-11-17 17:50:10
Letzte Änderung am 2016-11-18 12:47:31


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