• vom 08.05.2017, 20:44 Uhr

Weltchronik


Bürgerkrieg

Im Jemen droht Cholera-Epidemie




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  • Hunderte Menschen sollen in dem Bürgerkriegsland bereits an der lebensgefährlichen Darminfektion erkrankt sein.

Eine Mutter sitzt am Krankenbett ihrer Tochter in Sanaa, die an Cholera erkrankt ist.

Eine Mutter sitzt am Krankenbett ihrer Tochter in Sanaa, die an Cholera erkrankt ist.© reu/Abdullah Eine Mutter sitzt am Krankenbett ihrer Tochter in Sanaa, die an Cholera erkrankt ist.© reu/Abdullah

Sanaa. (is) "Wir sind hier wie lebende Tote. Wenn wir zu Bett gehen, wissen wir nicht, ob wir morgen noch leben", sagt Um Said und schaut ihren Säugling an, der in ihren Armen endlich eingeschlafen ist. Der Bub ist vier Monate alt - und völlig abgemagert. Auch seinen drei Geschwistern und der Mutter sieht man die Mangelernährung deutlich an. "Ohne Spenden wären wir bereits verhungert", sagt die 25-Jährige. Wie hunderttausende andere ist die Familie innerhalb des Bürgerkriegslandes Jemen geflüchtet. Sie lebt jetzt in Sanaa. Doch die humanitäre Lage ist überall prekär, auch hier in der Hauptstadt.

Im Jemen tobt seit mehr als zwei Jahren ein Stellvertreterkrieg zwischen Riad und Teheran, dem inzwischen mehr als 10.000 Jemeniten zum Opfer fielen. Fast die Hälfte sind Zivilisten. Dabei bekämpft der sunnitisch-wahabitische Golfstaat Saudi-Arabien die schiitischen, vom Iran unterstützten Huthi-Rebellen, die Ende 2014 auf Sanaa vorgerückt waren. Ihnen hatten sich zuvor auch die Truppen von Präsident Abd Rabbo Mansur Hadi angeschlossen. Extremistengruppen wie Al-Kaida und der Islamische Staat (IS) machen sich den Konflikt zunutze, um ihre Macht in dem Land auszuweiten.


Auf die Zivilbevölkerung wird dabei keine Rücksicht genommen. Die saudische Luftwaffe greift neben Huthi-Stellungen regelmäßig auch Krankenhäuser und andere zivile Einrichtungen an. Auch ist in dem 28-Millionen-Einwohner-Staat, der schon vor Beginn der Kriegshandlungen bitterarm war, durch die Bombardements die Infrastruktur weitgehend zerstört, darunter wichtige Brücken und Straßen, über die Lebensmittel transportiert wurden. Zuletzt hatte Riad gedroht, den Hafen Hodeida zu zerstören, über den die internationalen Importe abgewickelt werden.

Die humanitären Folgen des Krieges sind katastrophal. Drei Millionen Menschen sind im Land auf der Flucht. 19 Millionen Jemeniten - mehr als zwei Drittel der Bevölkerung - sind nach UN-Angaben inzwischen auf internationale Hilfe angewiesen. 17 Millionen leiden Hunger. Hinzu kommt, dass im Jemen Millionen Menschen ohne medizinische Versorgung dastehen, unter ihnen sieben Millionen Kinder - weil das Gesundheitssystem fast zur Gänze kollabiert ist. Es fehlt zudem an sauberem Trinkwasser, die hygienischen Verhältnisse insbesondere in den Flüchtlingslagern sind verheerend. Alle zehn Minuten sterbe ein Kind unter fünf Jahren an vermeidbaren Krankheiten, warnte UN-Generalsekretär Antonio Guterres Ende April in einem dramatischen Hilfsappell an die Staatengemeinschaft. Laut UN-Kinderhilfswerk Unicef besteht für 500.000 Kinder "akute Lebensgefahr, wenn sie nicht die dringend benötigte Hilfe und Behandlung erhalten".

Erste Todesopfer
Nun ist in dem vom Bürgerkrieg gezeichneten Land auch noch die Cholera ausgebrochen. Ein Sprecher der Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen (MSF) sagte der Nachrichtenagentur AFP, in den vergangenen drei Wochen seien mehr als 570 Menschen behandelt worden, bei denen der Verdacht auf Cholera bestehe. "Wir haben die Sorge, dass die Krankheit sich zu einer Epidemie ausweiten könnte", sagte Sprecher Ghassan Abu Tschaar. Die schiitischen Huthi-Rebellen sprachen indes von mehr als 1600 Cholera-Fällen in zwölf Provinzen, wie es auf dem Nachrichtenportal Sabanews hieß.

Ein Sprecher des jemenitischen Gesundheitsministeriums bestätigte, dass die Cholera im Jemen erneut um sich greife. Demnach wurden in zehn Provinzen Fälle gemeldet. In Sanaa seien zwei Todesfälle bestätigt worden, sagte Sprecher Abdelhakim al-Kahlani AFP. Drei weitere Todesfälle gab es demnach in der Provinz Ibb und vier in der Provinz Hodeida. Erst im vorigen Herbst waren im Jemen rund 100 Menschen an einem Cholera- und Durchfall-Ausbruch gestorben. Die Cholera ist eine ansteckende bakterielle Durchfallerkrankung, die durch unsauberes Trinkwasser hervorgerufen wird und binnen Stunden zu einem lebensbedrohlichen Kreislaufversagen führen kann. Behandelt wird sie mit Antibiotika, die importiert werden müssen. Ende April hatte die Staatengemeinschaft für das vom Krieg gezeichnete Land 1,1 Milliarden Dollar an Hilfsgeldern für 2017 zugesagt. Geld, das das Land dringender braucht denn je.




Schlagwörter

Bürgerkrieg, Jemen, Cholera, Epidemie

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Dokument erstellt am 2017-05-08 18:24:05



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