• vom 27.05.2017, 11:30 Uhr

Weltchronik

Update: 27.05.2017, 12:00 Uhr

John F. Kennedy

Der Nachlass Hoffnung




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Von WZ-Korrespondent Klaus Stimeder

  • Vor 100 Jahren wurde Kennedy geboren. Während sein Mythos verblasst, erlebt sein politisches Erbe eine Renaissance.

John F. Kennedy mit Ehefrau Jackie auf dem New Yorker Broadway während des US-Wahlkampfs im Herbst 1960. - © Getty Images/Bettmann

John F. Kennedy mit Ehefrau Jackie auf dem New Yorker Broadway während des US-Wahlkampfs im Herbst 1960. © Getty Images/Bettmann

Der Kennedy-Clan mit dem 14-jährigen John F. (links hinten stehend) im Jahr 1931 in Hyannisport.

Der Kennedy-Clan mit dem 14-jährigen John F. (links hinten stehend) im Jahr 1931 in Hyannisport.© Mikki Ansin/Kontributor Der Kennedy-Clan mit dem 14-jährigen John F. (links hinten stehend) im Jahr 1931 in Hyannisport.© Mikki Ansin/Kontributor

Washington D.C. Tut er es oder tut er es nicht? Von den Myriaden an Fragen, die sich ein Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika im Laufe seiner Amtszeit stellen muss, gehören sie mitunter zu den schwierigsten: Inwieweit darf man die Nationalarchive für die Öffentlichkeit öffnen, ohne Geheimnisse zur verraten und damit dem Interesse des Landes zu schaden? Wie gefährlich sind Enthüllungen über Ereignisse, die vielleicht schon über ein halbes Jahrhundert her, aber derart fest im kollektiven Weltgedächtnis verankert sind, dass sich bis heute eine aberwitzige Zahl an Historikern, Politikwissenschaftern und Film- und Fernsehregisseuren ihrer annimmt? Wie groß ist die Gefahr, dass irgendwelche Spinner daraus neue Verschwörungstheorien basteln, die noch durchgeknallter sind als die bisherigen und als Dank dafür im inoffiziellen Staatsfernsehen aka Fox News landen?

Alles wichtige Fragen, über die sich Donald Trump vermutlich trotzdem kaum Gedanken machen würde, wenn er nicht gesetzlich dazu gezwungen wäre. Noch bis Oktober hat der Ex-Reality-TV-Star Zeit, um seine Entscheidung darüber bekanntzugeben, ob die US-Regierung rund 3600 aus den Kellern des Auslandsgeheimdienstes CIA und der Bundespolizei FBI stammende Dokumente freigeben soll, die der Öffentlichkeit bisher nicht bekannt sind. Das Thema, dem sie sich widmen: der wohl berühmteste Politmord aller Zeiten, das Attentat auf John F. Kennedy in Dallas, Texas, am 22. November 1963.


Archive noch
unter Verschluss

Entscheidet sich Trump zur Veröffentlichung der bisher unter Verschluss gehaltenen Schriftstücke, käme er damit nicht nur dem Wunsch von Kennedys Nachfahren nach. Auch aus medialer Sicht könnte das Timing besser kaum sein: 2017 gilt als Jahr der Kennedy-Festspiele. Dieser Tage, genauer, am 29. Mai, wäre Kennedy 100 Jahre alt geworden. Aus rein politischer Sicht hätte Trump mit einer Veröffentlichung kaum etwas zu verlieren und zumindest ein wenig zu gewinnen.

Um kein anderes Ereignis der US-Geschichte ranken sich derart viele Mythen wie um den Mord an Kennedy. Bis heute reiben sich weltweit Legionen an Hobby-Historikern an der offiziellen Version, nach der der ehemalige Marine-Soldat Lee Harvey Oswald, der nach seiner Entlassung aus dem Militärdienst eine Zeit lang in der Sowjetunion (Minsk) lebte, den Demokraten im Alleingang ums Leben gebracht haben soll. Entgegen allen Indizien, die relativ eindeutig belegen, dass der damals 24-Jährige ohne fremde Hilfe handelte, bestand er selbst bis zuletzt darauf, zum "Sündenbock" erklärt worden zu sein.

Gelegenheit zu einer Rechtfertigung vor Gericht bekam Oswald nicht mehr. Zwei Tage nach seiner Verhaftung wurde er vor laufenden Fernsehkameras vom Nachtklubbesitzer Jack Ruby erschossen, während er von einem Gefängnis in ein anderes transportiert werden sollte. So weit, so bekannt, so millionenfach abgehandelt, untersucht, interpretiert und missinterpretiert. Angesichts der Monumentalität der Ereignisse muss das, wofür John F. Kennedy in den USA politisch stand, so zwangsläufig in den Hintergrund rücken. Zumindest seinen leiblichen Erben lässt es sich trotzdem nicht vorwerfen, dass sie nicht ihr Bestes tun würden, es bis heute hochzuhalten.

"Es gibt da diese Familie, über deren Geschichte ich ein bisschen was weiß. Wegen der Probleme im eigenen Land hat sie es manchmal kaum geschafft, genug Essen auf den Tisch zu bringen. Am Ende kratzten sie irgendwie genug Geld zusammen, um die Reise an unsere Ufer anzutreten. Nun, Mister Speaker, ich bin mir ziemlich sicher, dass es da draußen ein paar Garcias, Asgaris oder Rodriguezes gibt, die diese Geschichte haben. Aber so heißt die Familie nicht, von der ich spreche. Der Name der Familie, von der ich rede, lautet Kennedy." So sprach jüngst Joseph P. Kennedy III, der im US-Repräsentantenhaus den Massachusetts-4 vertritt.

Der Wahlkreis zieht sich von den Vororten Bostons fast bis zur Küste und blickt, wie die Familie seines Vorsitzenden, auf eine bemerkenswerte Geschichte zurück. Bis 2013, als ihn der damals 32-jährige Kennedy erstmals gewann, war sein Vertreter in Washington Barney Frank, der erste Kongressabgeordnete der US-Geschichte, der während seiner Amtszeit einen gleichgeschlechtlichen Partner heiratete. Joe Kennedy III ist der Enkel von Robert Kennedy, der in der Administration seines Bruders (1961-1963) als Justizminister unter anderem die Öffnung der öffentlichen Schulen und Universitäten für Afroamerikaner im Süden des Landes durchsetzte. Im bis heute konservativsten Teil des Landes war dazu Gewalt nötig, die von schwer bewaffneten US Marshalls und dem FBI durchgesetzt werden musste. Wie sein Bruder fiel Robert Kennedy 1968 in Los Angeles einem Attentat zum Opfer. Damals war er auf dem besten Weg, zum Präsidentschaftskandidaten der Demokraten gegen Richard Nixon nominiert zu werden.

Der Kennedy-Clan - eine
aussterbende Spezies

Auch wenn Joseph P. Kennedy III die Familienfahne im Kongress hochhält und der Clan bis heute in regelmäßiger Abfolge Politiker, Diplomaten und alle anderen möglichen Staatsdiener hervorbringt: Sein Einfluss auf die Realpolitik ist spätestens seit dem Tod von Johns und Roberts Bruder Edward "Ted" Kennedy, der 2009 nach sage und schreibe 46 Jahren als Senator im Amt verstarb, nur mehr in Spurenelementen vorhanden. Was auch oder sogar vor allem anderen mit dem Verschwinden eines sehr amerikanischen Topos zu tun hat: Dem des wohlhabenden, liberalen Patriziers, der es mit dem Kümmern um die Probleme der sogenannten "kleinen Leute" ernst meint und entsprechend Politik macht.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2019
Dokument erstellt am 2017-05-26 21:06:12
Letzte Änderung am 2017-05-27 12:00:28


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