• vom 15.01.2018, 17:47 Uhr

Weltchronik

Update: 16.01.2018, 08:14 Uhr

Chile

Im Land der brennenden Kirchen




  • Artikel
  • Lesenswert (3)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von WZ-Korrespondent Tobias Käufer

  • Für den Papst ist die Reise nach Chile eine Begegnung mit der kolonialen Vergangenheit der katholischen Kirche.

Das Plakat begrüßt den Papst in Temuco, einer Hochburg der Mapuche.

Das Plakat begrüßt den Papst in Temuco, einer Hochburg der Mapuche.© ap/Felix Das Plakat begrüßt den Papst in Temuco, einer Hochburg der Mapuche.© ap/Felix

Santiago de Chile. Die letzte Botschaft kam gut 70 Stunden vor der Landung der Papstmaschine in der chilenischen Hauptstadt: Unbekannte attackierten gleich drei katholische Kirchen im Großraum Santiago. Und hinterließen ein Bekennerschreiben, in dem sie "Freiheit für das Land der Mapuche" forderten und andeuteten: "Die nächsten Bomben werden in deiner Soutane sein, Papst Franziskus." In der Nacht von Montag auf Dienstag landet Franziskus zum Auftakt seiner mehrtägigen Reise nach Chile und Peru (15. bis 21. Jänner). Das eigentliche Besuchsprogramm beginnt am Dienstagnachmittag mitteleuropäischer Zeit.

Die Attacken auf die katholischen, aber auch auf evangelische Gotteshäuser gehen nach chilenischen Medienberichten auf das Konto von radikalen Mapuche-Vertretern. Jenen Ureinwohnern, die schon den spanischen Kolonialherren erfolgreich die Stirn boten. Kampferprobte vor allem ausdauerstarke Verfechter ihrer Rechte: Nicht selten dauern Hungerstreiks von Mapuche-Häftlingen, die sich zu Unrecht vor Gericht gestellt fühlen, mehr als 100 Tage. Abgemagert bis auf die Knochen, gelingt es ihnen auf diese Weise, so manche Forderung gegen den chilenischen und argentinischen Staat durchzusetzen. Schätzungen zufolge gibt es noch rund 600.000 Mapuche im Süden Chiles, nur ein kleiner Teil geht mit radikalen Mitteln gegen den Staat vor.


"Die Rechte der Mapuche in diesem Teil Südamerikas wurden jahrhundertelang mit Füßen getreten", sagt der argentinische Friedensnobelpreisträger und Papst-Vertraute Adolfo Perez Esquivel im Gespräch mit der "Wiener Zeitung". "In Argentinien oder in Chile haben Vertreter multinationaler Unternehmen wie Benetton oder Konzerne aus der Petro-Industrie widerrechtlich große Ländereien erworben." Widerrechtlich, weil sich die Mapuche als Erben des von den europäischen Kolonialherren einst eroberten Landes betrachten und nach indigenem Recht um ihr Einverständnis gebeten werden müssen. Das ist oft nicht geschehen.

Für viele Mapuche ist die katholische Kirche deshalb ein Feindbild, weil sie in den Jahren der Unterdrückung durch den unabhängigen chilenischen Staat mehrheitlich auf der Seite der Machthaber stand. "Nein zu Religion und zum Prediger", lautete deshalb ihre Botschaft bei den jüngsten Attacken mit Steinen und Farbbeuteln auf die Kirchen. Insgesamt sind in den vergangenen zwei Jahren rund zwei Dutzend Kirchen, aber auch Firmenbesitz angezündet worden.

Sicherheitsaufgebot groß
Entsprechend groß ist das Sicherheitsaufgebot. Alle fünf, sechs Meter soll ein Polizist bei den Ausfahrten mit einem schon bei früheren Reisen eingesetzten Papamobil den Papst beschützen.

Zudem tobt zwischen den radikalen Mapuche und dem chilenischen Staat wegen vieler Verfahren ein heftiger Streit. Einerseits, weil die Justiz lange Zeit ein Anti-Terror-Gesetz anwendete, das noch aus der Zeit der Militärdiktatur um General Augusto Pinochet (1973-1990) stammt, andererseits, weil viele Angeklagte lange in Haft sitzen, obwohl die Beweislage nur dünn ist. Die Lösung der Lage ist schwierig. Chiles scheidende Präsidentin Michelle Bachelet entschuldigte sich jüngst im Namen des chilenischen Staates für das Unrecht, das den Mapuche in der Vergangenheit widerfahren ist. Ein erster Anfang, aber aus der Sicht jener radikalen Kräfte der Mapuche zu wenig. Sie erhalten vor allem aus der linksautonomen Szene Unterstützung: Aus Katalonien oder Kurdistan kommen von nach Autonomie strebenden Völkern verbale Grußadressen. "Die Rechte der Mapuche müssen respektiert und auf Augenhöhe diskutiert werden", fordert Perez Esquivel.




Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)


Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-01-15 17:50:09
Letzte Änderung am 2018-01-16 08:14:54


Werbung




Werbung