• vom 12.02.2018, 18:05 Uhr

Weltchronik

Update: 22.02.2018, 16:20 Uhr

Haiti

Die weißen Herren von Haiti




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Von WZ-Korrespondent Tobias Käufer

  • Orgien mit Spendengeldern: Oxfam-Mitarbeiter nutzten problematisches Machtgefälle aus.

Mühevoller Wiederaufbau auf Haiti nach dem Horror-Erdbeben von 2010.

Mühevoller Wiederaufbau auf Haiti nach dem Horror-Erdbeben von 2010.© afp Mühevoller Wiederaufbau auf Haiti nach dem Horror-Erdbeben von 2010.© afp

Rio de Janeiro. Es sind Vorwürfe, die Oxfam ins Mark treffen. Vor allem weil die Hilfsorganisation einer der schärfsten Kritiker der Ungleichheit zwischen Reich und Arm auf dieser Welt ist. "Die Schere gehe immer weiter auseinander", hieß es noch in einer Oxfam-Analyse Mitte Jänner. Die Analyse verliert durch die Geschehnisse in Haiti zwar nicht an Richtigkeit, aber für Oxfam ist es bitter, dass sich ausgerechnet eigene Mitarbeiter im bettelarmen Karibikstaat selbst aus der Position des Wohlhabenden präsentierten und gegen ethische Kodexe verstießen.

Wie die "Times" berichtete, haben sich Mitarbeiter von Oxfam während eines Einsatzes in Haiti offenbar Prostituierte bezahlen lassen: Mit dem Geld der Nichtregierungsorganisation hätten die Männer, die nach dem Erdbeben von 2010 zu einem Hilfseinsatz in dem Karibikstaat waren, Orgien veranstaltet. Inzwischen werden Rufe nach einer strafrechtlichen Aufarbeitung der Fälle immer lauter. Oxfam hatte die Vorfälle nach eigenen Angaben wohl selbst intern aufgearbeitet, dies aber an der Justiz vorbei getan. So etwas kannte man bislang nur von der katholischen Kirche.


Wer nach dem verheerenden Erdbeben 2010, bei dem fast 300.000 Menschen ums Leben kamen, und den schweren Wirbelstürmen in den letzten Jahren nach Haiti reiste, der konnte nicht nur auf den Straßen von Port-au-Prince erkennen, wie sich die Machtverhältnisse im ärmsten Land der westlichen Hemisphäre verschoben haben.

Respektlose Helfer
Hier die nicht immer, aber oft weißen Vertreter der Hilfsorganisationen, von denen sich ein kleiner Teil wie zu Kolonialzeiten aufführte. Dort die schwarzen Empfänger der Transferleistungen, die sich mit den Verteilern der Hilfsgelder gutstellen mussten, damit ihre Projekte auch bedacht wurden. Ein solches Machtgefälle ist immer anfällig für Korruption. Zwei Bilder sind mir von meinen Haiti-Reisen nach dem Erdbeben 2010 besonders in Erinnerung geblieben. Da war am Flughafen der weiße Helfer einer NGO, der, während er vor dem Grenzbeamten stand, mit seinem Handy einfach weiter telefonierte. Eine Respektlosigkeit, die in den USA oder in Europa wohl zur Verweigerung der Einreise führen würde, in Haiti aber entnervte Beamten einfach nur noch gelangweilt über sich ergehen ließen. Und es war der Blick in die abendlichen Restaurants in Port-au-Prince, in der auffällig viele weißer Helfer mit meist viel jüngeren, attraktiven haitianischen Damen zu Gast waren. Auf den Parkplätzen vor den Restaurants standen fast ausschließlich die teuren SUVs der NGOs, für deren Kauf ein Durchschnitts-Haitianer Jahrzehnte arbeiten müsste. Die brauchen die Helfer, um auch in die von den Naturkatastrophen besonders entlegenen Ecken des Karibikstaates zu kommen. Sie sind allerdings auch willkommene Statussymbole, die klarmachen, wer in Haiti das Geld hat.

Der Oxfam-Skandal ist eine Folge der sich in Haiti eingenisteten Parallelgesellschaft. Durch die Schwäche des Staates und der Politik, die als einer der korruptesten der Welt gilt, haben die NGOs notgedrungen eine Art Neben-Regierungsapparat geschaffen, um die Milliarden an Hilfsgeldern, die nach dem Erdbeben flossen, auch an die Basis zu bekommen. Unter dem Strich haben die Hilfsorganisationen gute Arbeit geleistet, allerdings gab es nie ein wirklich funktionierendes Kontrollsystem. Es wäre nicht verwunderlich, wenn nun noch weitere Fälle auftauchen würden, in denen die Macht missbraucht wurde.




Schlagwörter

Haiti, Skandal, Spendengelder

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-02-12 18:08:22
Letzte Änderung am 2018-02-22 16:20:30


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