• vom 14.02.2018, 13:47 Uhr

Weltchronik

Update: 14.02.2018, 15:38 Uhr

Afghanistan

Tee mit Seifengeschmack




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Von WZ-Korrespondentin Veronika Eschbacher

  • Die Luft- und Wasserverschmutzung in der afghanischen Hauptstadt Kabul setzt den Bewohnern zu. Politiker setzen nun auf drakonische Strafen, umweltbewusste Bürger auf Aufklärung.

Die meisten Afghanen heizen weiterhin mit Kohle.

Die meisten Afghanen heizen weiterhin mit Kohle. Die meisten Afghanen heizen weiterhin mit Kohle.

Kabul. Taheera Hamizada steht vor dem Spiegel. Mit einem kleinen, rosaroten Kamm zieht sie einen Mittelscheitel. "Ich hatte so schöne Haare", sagt sie. "Jetzt habe ich fast eine Glatze!", klagt sie und bindet zwei dünne Zöpfe. Schuld an der schwindenden Haarpracht der Afghanin soll nicht ihr fortgeschrittenes Alter sein, sondern das Wasser in der afghanischen Hauptstadt Kabul. "Es wird mit jedem Tag schlechter, egal, von wo man es holt", sagt die Frau und lässt ihre Zöpfe unter einem geblümten Kopftuch verschwinden. Lange hatte Hamizada im Garten ihres Hauses einen funktionierenden Brunnen. Einmal die Woche hat die Familie die Pumpe angeworfen, die das Wasser in einen Wassertank auf dem Dach des einstöckigen Lehmhauses pumpte, bis es von dort aus weiter in zwei Wasserhähne in der Küche und im Badezimmer floss. Der Brunnen ist 60 Meter tief, aber seit einem Jahr können sie nur mit Glück noch einmal alle zwei Monate etwas Wasser herausholen. Und wenn, ist es kaum zu verwenden. "Das Wasser ist sauer oder salzig geworden, wenn ich damit Tee mache, schmeckt er wie Seife", beklagt Hamizada. Sie schreibt auch Hautausschläge dem Wasser zu, ebenso, dass die Feigenbäume in ihrem Garten nicht mehr einmal annähernd so viele Früchte abwerfen wie früher. "Und irgendwann werde ich noch mal richtig krank von diesem Wasser."

Diese Befürchtung hegt Hamizada nicht zu Unrecht. Laut einer kürzlich in Kabul veröffentlichten Studie der Fikr Organization of Psychosocial Development sind mindestens zehn Prozent des Wassers in den 22 Kabuler Bezirken stark mit Nitraten belastet, was unter anderem zu Nierenschäden führen kann. In fünf Kabuler Bezirken - darunter in dem von Hamizada - ist das Wasser gar nicht mehr genießbar, in 15 weiteren wird unter anderem wegen diverser Mikroben im Wasser empfohlen, es vor dem Genuss abzukochen. Bleiben satte zwei Bezirke, in denen es noch keine Probleme mit dem Wasser gibt.

"The Green Nest": Shabir, Basir und Helay (v. l. n. r.).

"The Green Nest": Shabir, Basir und Helay (v. l. n. r.).© Eschbacher "The Green Nest": Shabir, Basir und Helay (v. l. n. r.).© Eschbacher

Doch es ist nicht nur das Wasser, das der Gesundheit von Kabulis wie Hamizada zusetzt. Mindestens gleich schlimm ist die Luftverschmutzung. Kaum wird es im Winter abends dunkel, werden die Öfen angeworfen - und Autoreifen, Plastik und vor allem Kohle verheizt, um die Heime warm zu halten. Die Menschen in Kabul verstecken ihre Gesichter hinter dicken Atemschutzmasken oder Schals, um das beißende Stechen beim Einatmen zu mindern. Dennoch hustet praktisch die ganze Stadt. Laut Gesundheitsbehörden wurden bei 130.000 Kabulis im vergangenen Jahr Atemwegserkrankungen diagnostiziert. Von den 1000 Kindern, die täglich im Indira Gandhi Kinderkrankenhaus in Kabul behandelt werden, leiden 30 Prozent an ernsten Atemwegserkrankungen.

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Dokument erstellt am 2018-02-14 13:50:27
Letzte Änderung am 2018-02-14 15:38:26


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