• vom 02.03.2018, 06:43 Uhr

Weltchronik

Update: 02.03.2018, 07:03 Uhr

Reise

Inseln am Ende der Welt




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Von Michael Biach

  • Wer die malerischen Shetland-Inseln im Nordatlantik besucht, findet neben Ruhe und Einsamkeit auch Abenteuer und eine intakte Flora und Fauna.

Was wäre Shetland ohne die berühmten Ponys? - © Michael Biach

Was wäre Shetland ohne die berühmten Ponys? © Michael Biach

Willkommen auf den Shetland-Inseln.

Willkommen auf den Shetland-Inseln.© Michael Biach Willkommen auf den Shetland-Inseln.© Michael Biach

Es muss eine unvergessliche Erfahrung für den jungen Robert Louis Stevenson gewesen sein. Als kleines Kind begleitete der später weltbekannte Schriftsteller seinen Vater Thomas Stevenson, einen bedeutenden schottischen Ingenieur, auf die entlegenen Shetland Inseln, weil dieser am nördlichsten Punkt Großbritanniens mit der Konstruktion eines neuen Leuchtturms beauftragt wurde. Unzählige Tage verbrachte der junge Stevenson auf Unst, der vielleicht schönsten aller Shetland Inseln, die auch heute noch für ihre Superlative berühmt ist: das intensivste Grün, das raueste Klima und die meisten Zugvögel. Hinzu kommen eine beinahe unbeschreibliche Ruhe und Einsamkeit. Kein Wunder also, dass die Umrisse der "Schatzinsel", dem wahrscheinlich bekanntesten Romans von R. L. Stevenson,jenen von Unst verdächtig ähnlich erscheinen.

Auch heute noch können Touristen, die auf die entlang des 60. Breitengrades gelegenen Shetland Inseln reisen, in eine malerische Welt voller Stille und Schönheit eintauchen, wie man sie in Europa vielleicht kein zweites Mal findet. Knapp 12 Stunden benötigt Northlink Ferry vom schottischen Aberdeen aus, um im anfangs etwas trist und gräulich wirkenden Lerwick, dem administrativen Zentrum der Inselgruppe, einzutreffen.

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Diesen Artikel finden Sie auch im "Wiener Journal" vom 2. März 2018.

"Willkommen auf den Shetland Inseln", begrüßt Andrea ihre Gäste in einem der zahlreichen Bed & Breakfast Unterkünften von Lerwick. Ihr Akzent hebt sich deutlich von jenem auf dem schottischen Festland hebt und verrät dabei, dass die Bewohner der Inselgruppe nicht immer Teil des Vereinigen Königreichs waren. "Einst waren wir alle Wikinger", scherzt die fröhliche Dame und erläutert lächelnd die Geschichte von Shetland. Im 15. Jahrhundert waren die Inseln noch Teil des Königreichs von Norwegen und Dänemark und wurden schließlich von König Christian I. als Mitgift für seine Tochter Margrethe an Schottland abgetreten, als diese den schottischen König James III. heiratete. Dennoch identifizieren sich die Inselbewohner viel mehr mit der noch viel älteren Kultur der Wikinger, von denen auch der noch heute prägnante nordische Dialekt Norn stammt, der sich über die Jahrhundert zwar verändert hat, dem berühmten schottischen Akzent jedoch niemals gewichen ist.

Besucher finden auf den Inseln viel unberührte Natur - sie sollten sich aber vor Wind und Wetter schützen.

Besucher finden auf den Inseln viel unberührte Natur - sie sollten sich aber vor Wind und Wetter schützen.© Michael Biach Besucher finden auf den Inseln viel unberührte Natur - sie sollten sich aber vor Wind und Wetter schützen.© Michael Biach

Ihr Wikingererbe zelebrieren die Bewohner von Shetland jedes Jahr ausgiebig im Jänner mit dem fulminanten Up-Helly-Aa Festival. Am letzten Dienstag des Monats feiern tausende Menschen Tag und Nacht im Zentrum der Inselhauptstadt Lerwick. Männer und Jungen kleiden sich dabei im traditionellen Wikingergewand, viele lassen sich lange Bärte wachsen. Sogar die Kleinsten laufen mit Wikingerhelm, Holzschild und einem Schwert durch die Straßen und fiebern voller Aufregung dem abendlichen Großereignis zu. Denn sobald es dunkel wird, finden sich tausende Bewohner zusammen, um ein Wikingerboot, welches das ganze Jahr über per Hand erbaut wurde, am Höhepunkt der Feierlichkeiten den Flammen zu opfern.

"Ich denke, das bisschen Wahnsinn brauchen wir einfach nach Monaten der Dunkelheit", lacht Andrea. Immer wieder hat die Frau ihre Heimat verlassen, um anderswo zu arbeiten und zu leben. "Ich war lange Zeit in Dubai, lebte in Spanien und Zypern und wohnte auch in London", erzählt die Frohnatur aus ihrem Leben. Dennoch ist sie jedes Mal wieder nach Shetland zurückgekehrt. "Es gibt keinen Platz auf der Welt, an dem ich lieber lebe." Ihr fröhliches Lächeln wird von einem aufrichtigen Glänzen in den Augen begleitet.

Lange Zeit waren die Shetland Inseln von einer drastischen Abwanderungswelle betroffen. Vor allem junge Menschen entschieden sich, ihr Glück auf dem schottischen Festland und in anderen Teilen des Königreichs zu suchen. Heute wurde diese Entwicklung zumindest verzögert. Nachdem bedeutende Erdölunternehmen mit der Förderung des Rohstoffes nördlich der Inselgruppe begonnen haben, entstanden unzählige neue Arbeitsplätze in der Ölindustrie, allen voran in Sullom Voe, dem größten Terminal auf Shetland. Dass es auch auf den entlegen britischen Inseln zu einer Urbanisierung kommt, davon zeugen die unzähligen leerstehenden Farmgebäude, auf die man auf Shetland immer wieder trifft. Neben der Öl- ist auch die Fischindustrie fast komplett in Lerwick angesiedelt.

Die Bewohner von Shetland lieben ihre Heimat, das wird Besuchern der Insel schnell klar. So wie Andrea, der fröhlichen Bed & Breakfast-Betreiberin aus Lerwick, geht es den meisten anderen Menschen: Sie sind stolz auf ihre Kultur, ihr Brauchtum und vor allem auch auf die größtenteils unberührten Naturparadiese der fast 100, teilweise unbewohnten, Inseln.

Terry, ein etwa 60jähriger Naturfreund, liebt es, sich mit der Tierwelt seiner Heimat zu beschäftigen. Schon früh am Morgen macht sich der Pensionist, mit Spiegelreflexkamera und Fernglas ausgerüstet, in seinem Auto auf den Weg, entlang der Küste nach den schönsten Vögeln Ausschau zu halten. Besonderes Vergnügen bereitet es ihm, den fröhlichsten aller Inselbewohner zu beobachten, den Papageientaucher. Mit seinem clownsähnlichen Gesicht und einem schwarz-weißen Gefieder bevölkert der kleine Vogel die felsigen Küstenabschnitte der Insel. Aufgeregt verfolgt Terry mit seinem Fernglas die Flugroute der Papageientaucher. "Sie nisten zu tausenden an unseren Küsten, solange bis ihr Nachwuchs gelernt hat, zu fliegen", erklärt Terry. Immer wieder fliegen die Vögel und holen dutzende kleine Fische aus dem Meer und bringen diese den Jungvögeln in eine der zahlreichen kleinen Höhlen, die sie zum Nisten errichtet haben. Sobald die kleinen Papageientaucher das Fliegen erlernt haben, verschwinden sie im nördlichen Atlantik und kommen erst im Frühjahr zum Brüten wieder ans Festland. "Es ist einfach fantastisch, diese kleinen Wesen zu beobachten", strahlt Terry über das ganze Gesicht. Tatsächlich gibt es wohl niemanden, der beim Anblick der Puffins, wie sie auf Englisch heißen, nicht vor Freude dahinschmelzt.

Im nördlich gelegenen Nationalpark von Hermaness kommen Vogelkundler noch mehr auf ihre Kosten. Das Naturjuwel ist ein natürlicher Brutplatz für hunderttausende Zugvögel, die entlang der steilen, teilweise hunderte Meter senkrecht abfallenden Küsten, in jeder erdenklichen Felsspalte nisten. Bereits lange bevor man die Tiere zu Gesicht bekommt, werden Besucher durch laute Geräusche und intensiven Geruch auf das tierische Schauspiel aufmerksam gemacht. Wer entlang der Abhänge wandert, muss besonders aufpassen. Immer wieder reagieren die brütenden Vögel auf unerwarteten Besuch mit drastischen Verteidigungsmaßnahmen, es empfiehlt sich daher einen Respektabstand zu den Klippen zu halten und das Spektakel aus der Ferne zu betrachten.

Terrys größte Leidenschaft gilt aber weitaus größeren Meeresbewohnern, den Walen. Jedes Jahr machen sich dutzende Orcas mit ihren Jungkälbern auf, um in den Gewässern rund um die Shetland Inseln auf Jagd nach Robben zu gehen. Dabei verweilen die Meeressäuger nicht nur im offenen Gewässer, sondern wagen sich mit ihren Jungen, die das Jagen erst einmal erlernen müssen, direkt an die Küste. Wer Glück hat kann die Schwertwale aus nächster Nähe beobachten. Das Naturspektakel hat bereits eine riesige Fangemeine auf Shetland. Über Facebook informieren sich die Bewohner, wo aktuelle Walsichtungen stattgefunden haben und wohin die Meeresbewohner ihre Reise fortsetzen. Nicht selten parken mehrere Autos in der Nähe einer einsamen, entlegenen Buchtund Dutzende Menschen warten auf die Ankunft der Orcas, um sich gemeinsam an der Schönheit des Meeres zu erfreuen.

Für Reisende empfiehlt es sich, Shetland mit einem kleinen Auto, welches in Lerwick angemietet werden kann, zu erkunden. Von Mainland aus kann man mit Autofähren auf einige der weiteren Inseln reisen, viele Orte sind nur über oft nicht einmal zwei Meter breite Straßen erreichbar. Zum Glück gibt es regelmäßig kleine Parkbuchten, um den Gegenverkehr durchzulassen.

Geduld ist eine Grundvoraussetzung auf Shetland. Wer die Inseln auf eigene Faust erkunden will, braucht Zeit und davon scheint es auf den Inseln am Ende der Welt, jede Menge zu geben. Immer wieder wird klar, dass man hier vor allem eines findet: Ruhe und Ausgeglichenheit. Nichts eilt und scheinbar für alles bleibt Zeit.Die Belohnung erfolgt auf Schritt und Tritt, kaum eine Bucht gleicht der anderen und jede der vielen Inseln ist eine eigene Reise wert. Die Anreise zu den entlegensten Eilanden, darunter Fair und Foula, ist meist nur mit einer ganztägigen Fährfahrt über die unruhigen Gewässer möglich. Vor allem an diesen Orten wird klar, dass das Meer und das raue Klima das Leben und den Alltag der Menschen bestimmen.

In den kleinen Dörfern von Shetland spielt sich das Leben meist in einem einzigen zentralen Laden ab, der für die Einwohner gleichzeitig als Post, Bank, Tankstelle und, aufgrund eines mangelnden Mobilnetzempfangs, auch als Anlaufstelle für ein Telefon gilt. Von Lebensmitteln bis zum neuesten Tratsch wird im Ortszentrum alles angeboten, für Touristen auch ein paar Postkarten oder das Plüschexemplar eines Papageientauchers.

Es ist keine Seltenheit, dass sich das Wetter auf Shetland im Viertelstundentakt ändert und scheinbar alle Jahreszeiten über den Tag verteilt erlebt werden: Mal weht starker Wind, versperrt dichter Nebel die Sicht oder es machen einem Regen und Kälte zu schaffen; schnell folgen darauf oft strahlender Sonnenschein und frühlingshafte Wärme. An einem der vielen goldenen Sandstrände hat man gelegentlich sogar das Gefühl, sich auf einem tropischen Inselparadies wiederzufinden.

So unterschiedlich, wie das Wetter, ist auch die Topgraphie der Inseln.Der dramatisch anmutende Küstenabschnitt von Esha Ness im Westen der Hauptinsel, wo riesige Wellen auf steil abfallende Hänge treffen, gilt als einer der aufregendsten Großbritanniens und wird immer wieder als Film- und Fotokulisse verwendet. Eine wesentlich sanftere Umgebung findet man entlang des Tombolo von St. Ninian, wo ein Dünenstreifen die Insel mit dem Festland verbindet. Hier wurde 1958 ein riesiger Schatz aus dem 8. Jahrhundert entdeckt, der heute im schottischen Nationalmuseum in Edinburgh zu bestaunen ist. Auf den sattgrünen Hängen des Eilands grasen etliche der insgesamt mehr als 300.000 Schafe auf Shetland und verlassen die Gezeiteninsel nur, wenn sie zum Scheren des dichten Fells auf die Hauptinsel müssen. Dass dabei hunderte Schafe geordnet den richtigen Weg finden, ist Aufgabe des verantwortlichen Farmers und seiner Familie, die sich mit Hund und Pferd darum kümmern, die Tiere von der Insel zu treiben. Sogar die jüngsten Familienmitglieder helfen, in treuer Begleitung der eleganten Shetland Ponys, mit.

Wer von Ruhe und Einsamkeit genug hat, der kann sich in Lerwick ins abendliche Getümmel stürzen. Mehrere Restaurants bieten erstklassige Speisen, Rindersteaks und Lammfleisch stammen freilich von der Insel selbst. Danach laden zahlreiche Pups, die bis in die Nacht geöffnet haben, zu Bier und Musik.

Auch geschichteinteressierte Reisende kommen auf Shetland auf ihre Kosten. In Scalloway, der zweitgrößten Stadt der Inselgruppe, kann die Ruine eines Schlosses aus dem beginnenden 17. Jahrhundert bestaunt werden. Im örtlichen Museum wird auch auf die Rolle der Inseln im Zweiten Weltkrieg aufmerksam gemacht. Von Scalloway aus organisierte sich die Widerstandsbewegung "Shetland Bus" und versorgte den norwegischen Widerstand gegen die nationalsozialistischen Besatzungstruppen.

Vor der Abreise zurück auf das schottische Festland geht es im Zentrum von Lerwick nochmals vorbei an malerischen Steinhäusern und durch verträumte kleine Gässchen. Vom Deck der Fähre aus bleibt ein letzter träumerischer Blick auf das malerische, grüne Inselparadies. Der einzige Makel scheint mal wieder der starke Wind zu sein. Doch auch dazu haben die Bewohner Shetlands einen pragmatischen, humorvollen Zugang. Sollte nämlich irgendwann einmal der ständige Wind aufhören zu wehen, wird Touristen unter lautem Lachen berichtet, würden ja alle Bewohner auf einen Schlag umfallen und das wäre noch viel schlimmer.





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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-03-02 06:45:17
Letzte Änderung am 2018-03-02 07:03:36


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