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Weltchronik

Update: 15.03.2018, 17:05 Uhr

Uganda

Allgegenwart der Gewalt




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Rechtlos durch Scheidung
Tamale ist eine brillante Rednerin. Wenn sie loslegt, kann man sich vorstellen, dass selbst der älteste Diktator des Kontinents den Kopf einzieht. Ihre Kritik zielt aber nicht gegen die Patriarchen, sondern gegen die Frauen in mächtigen Positionen. "Jetzt haben wir schon 30 Prozent Frauen im Parlament und sie knien alle nieder und preisen den Präsidenten", schimpft sie wüst. Gesetze, die hingegen die Frauenrechte stärken, verstauben in den Schubladen. Ein Beispiel ist das Ehegesetz, das Ugandas Ehefrauen endlich ihre von der Verfassung gegebenen Rechte - vor allem im Scheidungsfall - garantieren.

Verfasst im Jahr 2006, schaffte es der Entwurf nicht einmal in die zweite Lesung. Erst 2010 kam es erneut auf den Tisch. Damals schickte Parlamentssprecherin Rebecca Kadaga die Abgeordneten in ihre Wahlbezirke: Die meisten, wenn nicht gar alle der konsultierten Klanvorsteher schmetterten den Entwurf ab. Das Resultat: Es geschah nichts.

Kritisch wird es für die Frau nämlich im Fall der Scheidung - und genau hier setzt das neue Gesetz an. Die Scheidungsrate ist in Uganda nicht besonders hoch, meist trennen sich die Partner einfach ohne die Ehe offiziell aufzulösen. Das hat viel damit zu tun, dass die Scheidung per Gesetz der Frau fast jegliche Rechte nimmt: Der Mann darf alle Güter beanspruchen. Beim Tod des Ehegatten geht die Frau in den Besitz des Bruders des Mannes über. Die Frau wird als Gut definiert, das - ist der Brautpreis einmal bezahlt - der Familie des Mannes gehört, die Kinder inklusive. Wenn die Witwe nicht die Zweit- oder Drittfrau des Bruders werden will, muss sie buchstäblich alleine davonlaufen, ohne Kinder, ohne finanzielle Mittel.

Röcke "übers Knie"
Genau dies will das neue Gesetz ändern: Darin soll nicht vom Brautpreis die Rede sein, sondern einem "Heiratsgeschenk", das keine Besitzverhältnisse schafft. Eine Frauenrechtsorganisation war 2007 vor das Hohe Gericht gezogen. Dieses erklärte damals den Brautpreis als verfassungswidrig und empfahl eine Gesetzesreform. Die steht bis heute aus. Jetzt versucht Kadaga erneut, das Gesetz in dieser Legislaturperiode endlich zu verabschieden.

Dazu trommelt sie alle Frauen in der Politik und Zivilgesellschaft zusammen, um Zuspruch zu finden. Hingegen hat Ugandas Ethikminister Simon Lokodo jüngst Gesetze durchs Parlament gebracht, die besonders frauenfeindlich sind. So müssen nun Ugandas Frauen Röcke bis "mindestens bis übers Knie" tragen. Auch eine Kleidervorschrift für Staatsbedienstete und Studentinnen wurde erlassen: Sandalen, hochhackige Schuhe, aufreizende Ausschnitte oder körperbetonte Kleider wurden verboten. Ganz nach dem Motto: Die Frauen sollen weniger provozieren. Tamale kritisiert: Keine der weiblichen Abgeordneten hätten im Parlament dagegen mobilgemacht. Eine Schande sei das, so die Frauenrechtlerin. Gerade in Anbetracht der für Afrika außerordentlich vielen Frauen in der Politik sei das Patriarchat in Uganda nach wie vor voll ausgeprägt.

Wie tief die Krise ist, zeigte sich kurz nach der Beerdigung des Universitätsdekans mit den 100 Kindern. Tamales Mitstreiterin, die Sexualwissenschafterin Stella Nyanzi, führte die Proteste gegen das Minirock-Gesetz an der Universität an. Provokativ streckte sie ihre nackten Brüste in die TV-Kameras. Dafür wurde sie glatt verhaftet und wegen Unzurechnungsfähigkeit und Beleidigung des Staates angeklagt.

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Schlagwörter

Uganda, Frauen, Gewalt, Frauentag

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-03-07 17:08:40
Letzte Änderung am 2018-03-15 17:05:47


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