• vom 11.05.2018, 08:00 Uhr

Weltchronik

Update: 11.05.2018, 08:21 Uhr

Kanada

Die Moschee in der Arktis




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Von WZ-Korrespondent Jörg Michel

  • Der Sudanese Abdalla Mohamed lebt in Kanada oberhalb des Polarkreises. Ein Gespräch über die nördlichste Moschee der Welt, das Zusammenleben mit den Inuit, und wie man den Ramadan einhält, wenn die Sonne nicht untergeht.

Der Polarkreis - © WZ-Grafik

Der Polarkreis © WZ-Grafik



Abdalla Mohamed vor der Moschee im kanadischen Inuvik.

Abdalla Mohamed vor der Moschee im kanadischen Inuvik.© Michel Abdalla Mohamed vor der Moschee im kanadischen Inuvik.© Michel

Inuvik. Es ist ein bitterkalter Tag in Inuvik, einer kanadischen Siedlung 200 Kilometer nördlich des Polarkreises. Das Thermometer zeigt minus 28 Grad, der arktische Wind weht über die vereisten Straßen. Abdalla Mohamed stoppt sein Taxi vor einem Wellblechgebäude, dessen Dach mit einer dicken Schneeschicht bedeckt ist. Als er aussteigt, lässt er den Motor laufen, denn sicher ist sicher.

"Willkommen in der Moschee unter der Mitternachtssonne", ruft Mohamed, während er über eine eisglatte Holztreppe in das Gebäude eilt. "Unsere Moschee ist die nördlichste in Nordamerika und die erste der Welt, die auf Permafrost errichtet wurde", sagt er stolz, während er seinen warmen Parka abstreift. Drinnen läuft die Heizung auf Hochtouren, von der Kälte ist nichts mehr zu spüren.

Der Gebetsraum ist mit einem roten Teppich ausgelegt, an der Wand hängen Bilder der großen Moschee von Mekka. In einem Bücherregal stehen Kopien des Koran. Mohamed kniet auf den Boden und steckt sich einen Knopf ins Ohr. Noch ist nicht Gebetszeit, also nimmt er sich Zeit für ein paar kurze Telefonate. Denn der 53-Jährige ist Taxiunternehmer und seine 15 Wagen wollen gut ausgelastet sein.

Kein Widerspruch gegen Errichtung des Gotteshauses

"Wir sind Teil der arktischen Familie. Wir fühlen uns wohl in
Inuvik, und das Zusammenleben mit den anderen Bewohnern funktioniert sehr gut", erzählt er. 3200 Menschen leben in dem
entlegenen Örtchen, die meisten davon sind Inuit, die Ureinwohner des Nordens. Rund ein Drittel
der Bewohner stammt aus dem Süden Kanadas. Die Zahl der Muslime schwankt zwischen 150 und 200.

Die meisten von ihnen sind Einwanderer oder Flüchtlinge. Mohamed etwa kam vor 27 Jahren aus dem Sudan nach Kanada. In Inuvik ließ er sich nieder, weil er dort als Taxiunternehmer gefragt war, während das Geschäft in Großstädten wie Toronto, Montreal oder Vancouver längst besetzt war. Andere Gemeinde-Mitglieder stammen aus Ägypten, dem Libanon, Syrien oder dem Irak.

An die Kälte und die langen Winter habe er sich erst gewöhnen müssen, und auch an das einsame Leben in der Arktis, gibt Mohamed zu. Er erzählt auch, dass seine Familie und Kinder ein Teil des Jahres in Edmonton verbringen, weil die Schulen und die Krankenhäuser in der 800.000-Einwohner-Stadt besser seien. Alles in allem aber sei er glücklich in Inuvik und sei von den Inuit mit offenen Armen aufgenommen worden.

Als die Gemeinde vor neun Jahren den Wunsch nach einer eigenen Moschee in der Arktis äußerte, gab es in Inuvik keinen Widerspruch. Man kaufte ein Grundstück in einem Wohngebiet, und eine muslimische Stiftung finanzierte das Gebäude. Gefertigt wurde das Haus samt Minarett in der Stadt Winnipeg, bevor es per Lkw und Frachtkahn über 4000 Kilometer in den Norden geschleppt wurde. 23 Tage dauerte die Reise.




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Schlagwörter

Kanada, Sudan, Inuit, Islam

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-05-10 17:54:46
Letzte Änderung am 2018-05-11 08:21:55



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