• vom 18.05.2018, 18:16 Uhr

Weltchronik


Kirche

Chiles Bischöfe bieten kollektiv ihren Rücktritt an




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  • Nach neuen Enthüllungen im Missbrauchsskandal hatte der Papst Konsequenzen angedroht.

"Der Papst soll über jeden von uns entscheiden", sagte Bischofssprecher Fernando Ramos (r.). - © ap

"Der Papst soll über jeden von uns entscheiden", sagte Bischofssprecher Fernando Ramos (r.). © ap

Vatikanstadt. 34 chilenische Bischöfe waren nach Rom gereist, um mit dem Papst über den Missbrauchsskandals in der katholischen Kirche in ihrer Heimat zu sprechen - alle haben danach am Freitag ihren Rücktritt eingereicht. Diesem noch nie da gewesenen Schritt war ein vertrauliches Dokument von Papst Franziskus vorausgegangen, in dem er personelle Konsequenzen in der chilenischen Kirche angedroht hatte.

Es reiche jedoch nicht aus, "nur die konkreten Fälle zu behandeln und die betreffenden Personen zu entfernen", hieß es in dem Schreiben, das der chilenische Sender Canal 13 in der Nacht auf Freitag veröffentlichte. "Das - und das sage ich in aller Deutlichkeit - muss getan werden, aber es ist nicht genug. Es muss noch mehr geschehen", so Franziskus. Der Papst hatte das Dokument den Bischöfen Chiles am Dienstag zu Beginn eines Treffens im Vatikan zur Aufarbeitung des Skandals in dem südamerikanischen Land übergeben. Die dreitägigen Gespräche gingen am Donnerstagabend zu Ende.


Der Papst sprach in seinem Schreiben an die Bischöfe von besorgniserregenden Erkenntnissen, die seine beiden Sonderermittler, Erzbischof Charles Scicluna und der Rechtsexperte Jordi Bertomeu, im Februar bei ihren Recherchen in Chile zutage gefördert hätten. So seien mehrere Geistliche, die wegen "sittenlosen Verhaltens" entfernt worden waren, wieder in anderen Diözesen aufgenommen worden. Obendrein habe man ihnen Aufgaben mit "einem täglichen und direkten Kontakt zu Minderjährigen" anvertraut. Die Untersuchung zeige, dass es "grobe Fehler" im Umgang mit Missbrauchsfällen gegeben habe, räumte Franziskus ein. Er empfinde "Scham", weil in etlichen Fällen die Aufklärungsarbeit gezielt behindert worden sei.

Jahrelanger Missbrauch
In Chile hatte der 2011 aufgebrochene Missbrauchskandal zu einem massiven Vertrauensverlust in die katholische Kirche geführt, der die ohnehin schon galoppierende Säkularisierung noch einmal befeuerte. Vor allem der Fall des früheren Pfarrers und Priesterausbilders Fernando Karadima war für viele, die noch zögerten, der letzte Anstoß, um der katholischen Kirche endgültig den Rücken zu kehren. Der heute 87-jährige, mittlerweile suspendierte Priester hatte durch sein Charisma zeitweilig großen Einfluss auf zahlreiche junge Katholiken und auch auf mehrere spätere Bischöfe. Allerdings soll Karadima über Jahre hinweg dutzende Minderjährige und junge Männer, die sich für das Priesteramt interessierten, missbraucht haben.

Obwohl die ersten Vorwürfe bereist im Jahr 2004 auftauchten, stellte sich die katholische Kirche lange Zeit schützend vor Karadima. Auch viele Bischöfe hatten Karadima gedeckt, obwohl sie offenbar detailliert über die Missbräuche Bescheid wussten. In Schutz hatte seinen langjährigen Mentor vor allem Bischof Juan Barros genommen. Laut verschiedenen Betroffenen wusste er vom sexuellen Missbrauch durch Karadima, doch er soll die Taten aus Loyalität verschleiert haben.

Der Fall Karadima fügte auch dem Ansehen von Papst Franziskus tiefe Kratzer zu. Denn noch im Jänner wies der Pontifex bei seinem Besuch in Chile die Beschuldigungen gegen Barros Journalisten gegenüber harsch zurückgewiesen. Es läge kein einziger Beweise gegen Barros vor, erklärte Franziskus damals. Die Vorwürfe gegen den erst im Jahr 2015 von ihm ernannten Bischof seien "alles Verleumdung". Erst später entschuldigte sich der Papst für seine Wortwahl und leitete neue Ermittlungen zu dem Skandal ein.




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Dokument erstellt am 2018-05-18 18:21:52


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