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Weltchronik

Update: 18.06.2018, 15:55 Uhr

China

Der Chronist von Changzhou




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Von WZ-Korrespondent Fabian Kretschmer

  • Viel Historisches ist zerstört worden. 40 Jahre nach der marktwirtschaftlichen Öffnung bleiben im chinesischen Changzhou die Spuren der Vergangenheit dem Auge verborgen. Der Maler Ji Quanbao kämpft gegen das Vergessen.

- © Illustration: Fotolia/Changzhou Skyline Event Banner

© Illustration: Fotolia/Changzhou Skyline Event Banner

Die Skyline von Changzhou (o.) hat nur noch wenig mit dem historischen Erbe zu tun, das der Maler Ji Quanbao in seinen Bildern zu bewahren versucht.

Die Skyline von Changzhou (o.) hat nur noch wenig mit dem historischen Erbe zu tun, das der Maler Ji Quanbao in seinen Bildern zu bewahren versucht.© Fabian Kretschmer Die Skyline von Changzhou (o.) hat nur noch wenig mit dem historischen Erbe zu tun, das der Maler Ji Quanbao in seinen Bildern zu bewahren versucht.© Fabian Kretschmer

Changzhou. Wer Ji Quanbao nach dem Wendepunkt in seinem 65-jährigen Leben fragt, der bekommt ein erratisches Lachen zu hören, das bis in den letzten Winkel seines sonnendurchfluteten Malerateliers dringt. Ji ist ein kleiner Mann mit Nickelbrille, Tweed-Sakko und kurzgeschorenem Einheitsschnitt. Auf seinem Mahagoni-Schreibtisch stapeln sich Bildskizzen, chinesische Rollbilder und ein stets gefülltes Teeglas. Wie immer antwortet Ji auf Fragen zunächst mit einer indirekten Metapher: "Wenn wir als Land unsere Kultur nicht kennen, dann haben wir keine Wurzeln. Das ist wie bei einer Pflanze."

Ji war gerade frisch vermählt, als er seine Ehe nach nur wenigen Tagen bereits aufs Spiel setzte: Mit dem Brautgeld, all dem Ersparten des noch jungen Paares, kaufte er sich seine erste Analogkamera. Eine aberwitzige Investition, schließlich hat allein eine Filmrolle während der 1970er Jahre noch zwei Monatsgehälter gekostet. Doch schon damals verspürte der Intellektuelle eine dringliche Vision: Seine Heimatstadt für die Nachwelt festhalten, all die Kanäle, die runden Steintore, die lebhaften Marktplätze. Denn schon bald werden sie verschwunden sein.


Doppelt so groß wie Wien,
in China an 91. Stelle



Er sollte recht behalten. Changzhou ist eine chinesische Stadt, die wohl nur den wenigsten Nicht-Chinesen ein Begriff ist. Gelegen auf halbem Weg zwischen Shanghai und Nanjing, beherbergt sie über viereinhalb Millionen Einwohner in seinen Verwaltungsgrenzen. Das ist mehr als doppelt so viel wie Wien, doch im Reich der Mitte belegt sie nur den 91. Rang der bevölkerungsreichsten Städte.

1982 schrieb der berühmte Asien-Korrespondent Tiziano Terzani, der von Saigon über Delhi bis nach Tokio fast alle Journalistenbüros des "Spiegel" in der Region eröffnet hat, mit tief empfundenen Schmerz über die architektonische Zerstörung der chinesischen Hauptstadt Peking. Seine Worte treffen jedoch genauso gut auf Changzhou zu: "Die Mauern, die Tore und Triumphbogen sind verschwunden. Verschwunden sind auch die meisten Tempel, Paläste und Gärten. Jeden Tag fällt ein Stück mehr des jahrhundertealten Peking den Spitzhacken, Pressluftbohrern und Bulldozern zum Opfer. Die Stadt hat ihre innere Ordnung verloren, die einst Ausdruck der Geometrie des Universums war."

In seiner Reportage sucht Terzani nach alten Stadtplänen von vor 1949 - nur um festzustellen, dass diese geheim gehalten werden. Offenbar, so schlussfolgert der Journalist, möchte die Kommunistische Partei das Ausmaß der Zerstörung vor den Leuten geheim halten.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-05-31 17:58:13
Letzte Änderung am 2018-06-18 15:55:32



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