• vom 05.06.2018, 06:00 Uhr

Weltchronik


Libanon

"Hier habe ich keine Zukunft"




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Von WZ-Korrespondent Markus Schauta

  • Keine Jobs, kein Wasser, Stromausfälle und Gewalt: Lokalaugenschein im Beiruter Palästinenserlager Shatila.

Spinnennetze an Stromkabeln. Das Palästinenserlager Shatila.

Spinnennetze an Stromkabeln. Das Palästinenserlager Shatila.© afp Spinnennetze an Stromkabeln. Das Palästinenserlager Shatila.© afp

Beirut. Shatila, das ist ein Gewirr aus Gassen und Häusern, mehrere Stockwerke hoch, dicht aneinandergedrängt, auf weniger als einen Quadratkilometer. Abseits der Marktstraße, mit den Karren voll roter Paradeiser, dem Fleisch an Eisenhacken und den Stapeln Kochgeschirr aus Alu, sind die Gassen eng. Der blaue Himmel ist dort nur durch ein Spinnennetz aus Stromkabeln zu sehen, gesponnen in den Jahrzehnten, seitdem das Camp besteht.

1949, ein Jahr nach der Staatsgründung Israels, hat das Rote Kreuz Shatila Camp für nach Beirut geflohene Palästinenser errichtet. 3000 Menschen lebten damals in dem Zeltlager. Im Laufe der Jahre wurden die Zeltplanen durch feste Mauern ersetzt und die Bevölkerung wuchs. Vor dem Krieg in Syrien lebten 10.000 Menschen im Camp. Inzwischen hat sich die Bevölkerung durch den Zuzug von syrischen Flüchtlingen auf etwa 20.000 verdoppelt.


"Seit 70 Jahren warten wir
auf unsere Rückkehr"

Die Fatah ist die dominierende politische Organisation im Shatila Camp. Vor ihren Büros hängen Fahnen mit dem Symbol der Partei, zwei Fäuste die Gewehre halten, vor einer Landkarte des historischen Palästina. Männern auf Plastiksesseln beobachten die Straße, in manchem Hosenbund steckt eine Pistole.

Der Syrer Faysal verkauft Kirschpflaumen und Pfirsiche.

Der Syrer Faysal verkauft Kirschpflaumen und Pfirsiche.© Schauta Der Syrer Faysal verkauft Kirschpflaumen und Pfirsiche.© Schauta

Kazem Hassan leitet die Fatah in Shatila. In der Ecke surrt ein Ventilator, von den Wänden blicken Jassir Arafat und Mahmoud Abbas. Der 56-Jährige mit Seitenscheitel und glatt rasierten Wangen wurde im Camp geboren. Er hat miterlebt, wie das Areal, das der libanesische Staat den Palästinensern zur Verfügung stellte, im Laufe der Jahrzehnte vollständig bebaut wurde. "Es gibt keinen Platz für neue Häuser mehr", sagt er. Das Aufstocken bestehender Häuser sei nur begrenzt möglich. "Mehr als sieben Stockwerke geht nicht, die Fundamente tragen das nicht."

Die Lebensbedingungen für die Menschen im Camp seien schlecht. Das Wasser aus den Leitungen untrinkbar, da salzig. UNRWA unterstütze die Palästinenser zwar, aber nicht ausreichend, ist Hassan überzeugt. So gebe es ein Gesundheitszentrum, für komplizierte medizinische Eingriffe müssen die Menschen aber in Krankenhäuser außerhalb des Camps. Diese Behandlungen sind teuer, nur ein Viertel der Kosten werden von UNRWA abgedeckt.

Arbeit zu finden ist für Palästinenser im Libanon schwieriger als für andere Gruppen. Über 90 Prozent der palästinensischen Haushalte sind daher von der Unterstützung durch UNRWA abhängig. 39 Berufe dürfen von ihnen nicht ausgeübt werden; im Gesundheitsbereich, in der Rechtsprechung, im Tourismus und in öffentlichen Ämtern. Gründe dafür sind unter anderem das Fehlen der libanesischen Staatsbürgerschaft, auf die Palästinenser keinen Anspruch haben. Doch auch andere Hürden machen es schwer, einen Job zu finden. Um zu verhindern, dass Palästinenser als billige Arbeitskräfte gegenüber Libanesen bevorzugt werden, muss ein Arbeitgeber für jeden angestellte Palästinenser, drei Libanesen einstellen. Rund ein Viertel der Palästinenser im Libanon waren 2015 arbeitslos. Etwa 36 Prozent arbeiten im Niedriglohnsektor; in der Landwirtschaft, im Verkauf, als Reinigungskräfte.

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Schlagwörter

Libanon, Beirut, Palästinenser, Nahost

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-06-04 16:49:14
Letzte Änderung am 2018-06-04 21:59:33


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