• vom 08.06.2018, 10:16 Uhr

Weltchronik

Update: 08.06.2018, 13:20 Uhr

Plastik

Mülldeponie Mittelmeer




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Von WZ Online, APA

  • Bis zu 1,25 Millionen Plastikpartikel finden sich pro Quadratkilometer Wasser im Mittelmeer.

Das Mittelmeer gilt als sechstgrößtes Sammlungsgebiet für Meeresmüll. - © APAweb / AFPSTEFAN HEUNIS

Das Mittelmeer gilt als sechstgrößtes Sammlungsgebiet für Meeresmüll. © APAweb / AFPSTEFAN HEUNIS

Das Mittelmeer geht in Plastik förmlich unter. Besonders für Mikroplastik seien wahre Rekordmengen nachgewiesen worden, wie die Umweltorganisation WWF zum Tag der Meere am Freitag mitteilt. Die Konzentration der winzigen Kunststoffpartikel sei fast vier Mal so hoch wie im nördlichen Pazifik. Bis zu 1,25 Millionen Fragmente finden sich pro Quadratkilometer.

Der im Mittelmeer und an seinen Stränden gefundene Abfall bestehe zu 95 Prozent aus Kunststoff, hauptsächlich aus der Türkei und Spanien, gefolgt von Italien, Ägypten und Frankreich. Die Beliebtheit als Urlaubsziel verschärfe das Problem. "Während der Sommermonate steigern jährlich 320 Millionen Touristen die Abfallbelastung des Meers um 40 Prozent", kritisierte der WWF.

"Europa produziert enorme Mengen Plastikmüll"

"Das Mittelmeer ist fast vollständig von besiedelten Küsten umgeben und droht zu einer Plastikfalle zu werden", sagte Axel Hein, Meeresbiologe des WWF Österreich. "Durch ungesicherte Mülldeponien in Meeresnähe, illegale Abfallentsorgung in Flüsse, aber auch touristische Aktivitäten gelangt der Plastikmüll ins Mittelmeer." Hauptverantwortlich seien Lücken im Abfallmanagement der meisten Anrainerstaaten. Flüsse tragen Abfälle dann ins Meer - vor allem der Nil, der Ebro, die Rhone, der Po und die türkischen Flüsse Ceyhan und Seyhan.

"Europa produziert enorme Mengen Plastikmüll und muss seine Struktur für Abfallentsorgung und Recycling verbessern", forderte Hein. "Auch der Tourismussektor ist gefragt und sollte den Ausbau der Infrastruktur in den Destinationen unterstützen. Hotels und Schiffe müssen wirksame interne Abfallsammelsysteme einrichten und den Müll vollständig trennen."

18 Prozent der Thunfische haben Plastik im Magen

In der Tierwelt des Mittelmeers habe das Problem deutliche Spuren hinterlassen. 18 Prozent der Thunfische und Schwertfische haben laut WWF Plastik im Magen, vor allem Zellophan und PET. Im Pelagos-Walschutzgebiet im nordwestlichen Mittelmeer seien mehr als 56 Prozent des Planktons schwer verunreinigt. Finnwale, die Wasser durch ihre Barten filtern, seien im Schutzgebiet fast fünfmal stärker mit Schadstoffen belastet als in weniger verschmutzen Regionen.

Weitere Fakten laut WWF: Das Mittelmeer gilt als sechstgrößtes Sammlungsgebiet für Meeresmüll. Es enthält ein Prozent des Wassers auf der Erde, aber sieben Prozent des weltweit verteilten Mikroplastiks. 134 Tierarten sind betroffen. So hätten alle im Mittelmeer lebenden Meeresschildkrötenarten Kunststoffe aufgenommen. Bis zu 150 Plastikfragmente wurden in den Mägen einiger Tiere gefunden. Im Mittelmeerraum leben 150 Millionen Menschen, die mit 208 bis 760 Kilogramm Müll pro Kopf und Jahr zu den weltweiten größten Verursachern fester Siedlungsabfälle zählen.

2016 produzierten die 28 EU-Staaten gemeinsam mit Norwegen und der Schweiz 60 Millionen Tonnen Plastik und erzeugten 27 Millionen Tonnen Plastikmüll. Nur 31 Prozent des Müllaufkommens wurden laut WWF recycelt, 27 Prozent kamen auf Deponien, der Rest wurde verbrannt.

Mikroplastik und Chemikalien in Antarktis nachgewiesen

Das Problem trifft aber keinesfalls nur das Mittelmeer. Die Verschmutzung durch Plastik und Chemikalien ist nach Angaben von Greenpeace bereits in entlegenen Gewässern der Antarktis nachweisbar. Anfang dieses Jahres entnommene Wasserproben enthielten fast lückenlos Mikroplastik. Im Schnee fanden sich überdies zuhauf giftige Stoffe wie PFAS bzw. PFC, mit denen Outdoor-Bekleidung beschichtet wird, teilten die Umweltschützer am Donnerstag in Wien mit.

"Selbst die letzten weitgehend unberührten Ökosysteme unserer Erde wie die Antarktis sind betroffen", sagte Nunu Kaller, Konsumenten-Sprecherin bei Greenpeace in Österreich. Jährlich gelangen ihren Angaben zufolge bis zu 13 Millionen Tonnen Plastikmüll allein vom Land in die Ozeane.

Die Wasser- und Schneeproben wurden während einer dreimonatigen Schiffsexpedition an unterschiedlichen Orten in der Antarktis entnommen. Die Ergebnisse der Analyse "bestätigen eine Kontamination durch Mikroplastik und persistente Chemikalien (PFAS) in abgelegenen Regionen rund um die Antarktische Halbinsel und die Bransfieldstraße. Darunter befinden sich auch Gebiete, die wegen ihrer Bedeutung für die Tierwelt als schützenswert eingestuft werden", hielten die Umweltschützer fest.

Plastik in den Mägen der Wale

Sieben von acht untersuchten Wasserproben enthielten Mikroplastik. "Tiere verwechseln Plastikteilchen oft mit Nahrung. So findet sich Plastik in den Mägen von Walen und Delfinen genauso wie in essbarem Meeresfisch und -früchten. Dadurch gelangt Mikroplastik auch in unsere Körper", warnte Kaller. Neben den Mikroplastikteilchen entdeckte die Umweltschutzorganisation zwischen den Eisbergen auch Plastikmüll aus der Fischerei wie Bojen, Netze und Planen.

In sieben von neun Schneeproben fanden sich sogenannte PFAS, auch PFC (per- und polyfluorierte Chemikalien) genannt. Offenbar gelangen sie über die Atmosphäre und nicht über lokale Verschmutzungsquellen in die Region, befand Greenpeace. PFAS werden in industriellen Verfahren und bei Konsumgütern verwendet, unter anderem um Outdoor-Bekleidung wasserfest zu machen. Sie verbleiben lange Zeit in der Umwelt und können Fortpflanzungs- und Entwicklungsstörungen bei Tieren verursachen, sagte Kaller.

Die Umweltschutzorganisation fordert die Errichtung des weltweit größten Schutzgebietes im antarktischen Weddell-Meer, "damit sich Tiere wie Pinguine und Wale von den durch den Menschen verursachten Bedrohungen wie Klimawandel, Überfischung und Verseuchung der Meere mit Plastik und Chemikalien erholen können". Zudem brauche es globale Maßnahmen gegen die "Plastikflut".





Schlagwörter

Plastik, Mittelmeer, Müll, WWF, Umwelt

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-06-08 10:22:23
Letzte Änderung am 2018-06-08 13:20:02


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