• vom 09.06.2018, 08:01 Uhr

Weltchronik


China

Das Land der Junggesellen




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Von WZ-Korrespondentin Daniela Schröder

  • In China gibt es zu viele Männer, vor allem am Land finden Singles keine Frau.

Single-Männer in China versuchen, mittels Kuppelshows eine Frau zu finden.

Single-Männer in China versuchen, mittels Kuppelshows eine Frau zu finden.© reuters Single-Männer in China versuchen, mittels Kuppelshows eine Frau zu finden.© reuters

Hainan. Enge Oberteile. Zarte Kleidchen, Miniröcke, die auf halber Schenkelhöhe enden. Chuan fingert eine Zigarette aus der zerknautschten Packung, seine Augen glänzen. Der Chinese steht vor einer Karaoke-Bar in Lingshui und saugt an seiner Zigarette. Sein Blick klebt an den jungen Frauen, die an ihm vorbei auf ihren Absätzen in die Bar trippeln. Zhou Chuan ist Single.

Der 39-Jährige tritt die Zigarette aus und geht zum Grillimbiss auf der anderen Straßenseite. Junge Männer, Familien und Pärchen knabbern Fleisch von Spießen. Chuan setzt sich an einen Tisch am Rand, die Kellnerin bringt eine Flasche kaltes Bier und ein Schüsselchen mit Salzgurke, Orangenscheiben, Wassermelone. "Xiè xiè", Danke, sagt Chuan leise und schaut zu ihr hoch. Er sieht nur einen wippenden Pferdeschwanz und das Imbiss-Logo auf dem schmalen T-Shirt-Rücken. Vier Biere später legt Chuan ein paar Scheine auf den Tisch und geht. Als er auf sein altes Mofa steigt, fallen ihm kurz die Augen zu, er gähnt laut und lang, schüttelt sich wie ein nasser Hund. Chuan steuert das Mofa hinaus aus der blinkenden, hupenden Stadt, über Landstraßen und Feldwege.

Vietnamesinnen wie Tham versuchen ihr Glück - auch als Braut - jenseits der Grenze.

Vietnamesinnen wie Tham versuchen ihr Glück - auch als Braut - jenseits der Grenze.© reuters Vietnamesinnen wie Tham versuchen ihr Glück - auch als Braut - jenseits der Grenze.© reuters

Am nächsten Morgen, als zwischen den Mangobäumen hinter dem Haus die Sonne blinzelt und der Hahn das erste Mal kräht, wacht Chuan auf. Sein Mund ist trocken, seine Schläfen pochen. Er gräbt sein Gesicht in das geblümte, fleckige Kopfkissen und erinnert sich an seinen Traum. Er erzählt vom Lächeln der Grill-Kellnerin, die auf dem Rücksitz des Mofas saß, die Arme um seine Hüften, das Kinn auf seiner Schulter, sie fuhren in die Nacht.


Chuan lebt in Po Cun, einem kleinen Dorf in der kleinsten und südlichsten Provinz Chinas Hunan. Nur zwanzig Kilometer und knapp zwei Bummelbusstunden trennen die Großstadt vom Dorf. Gefühlt sind es zweihundert Jahre. Chuan lebt am Rande des Dorfes, einige Dutzend weit verstreuter Höfe. Den Hof, zwei flache graue Häuser, Küchenhäuschen, Hühnerschuppen, teilt er sich mit seinen Brüdern und einem Onkel. Wen ist 44 Jahre alt, Yong 42, Lian 40, der Onkel Chuan ist 55. Keiner der fünf ist verheiratet, alle sind Single. Eine Männer-Familie auf dem Land.

Und die Zhuos sind keine Ausnahme. In dem 3000-Einwohner-Dorf leben 300 unverheiratete Männer zwischen 30 und 60. Und auch Po Cun ist kein Sonderfall, auf ganz Hainan gibt es Dörfer mit dutzenden Junggesellen. "Guang gun" werden sie genannt. "Kahle Äste", an denen kein Blatt wächst, die keine Früchte tragen.

130 Jungen auf 100 Mädchen
In China ist eingetreten, was Demografieforscher vor Jahren voraussagten: Das Land weist einen extremen Männerüberschuss auf. In ihrer jüngsten Statistik berichtet die Regierung von 33,6 Millionen mehr Männern als Frauen im knapp 1,4-Milliarden-Menschen-Staat, das stärkste Ungleichgewicht verzeichnen ländliche Provinzen wie Hainan. Doch nirgendwo ist das Geschlechterverhältnis so unausgeglichen wie hier. In den vergangenen Jahrzehnten kamen auf 100 neugeborene Mädchen 130 Jungen. Eine Ausbalancierung des Verhältnisses ist nicht in Sicht.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-06-08 16:28:19
Letzte Änderung am 2018-06-08 20:42:28



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