• vom 26.07.2018, 20:00 Uhr

Weltchronik


Völkermord

Die Schreckgespenster der Vergangenheit




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Von Martin Richter

  • Nach dem Völkermord von 1994 wird in Ruanda Vergangenheitsbewältigung betrieben. In Burundi nicht.

Schädel getöteter Tutsi, aufgenommen im Kigali Genocide Memorial.

Schädel getöteter Tutsi, aufgenommen im Kigali Genocide Memorial.© apa Schädel getöteter Tutsi, aufgenommen im Kigali Genocide Memorial.© apa

Bujumbura. (apa) Adele Honyoredako wurde die Hand abgehackt, ihr Kind, das sie auf dem Rücken trug, wurde mit der Machete getötet. Ein Lehrer sperrte Schüler in der Klasse ein und zündete das Haus an, alle verbrannten. Pater Alphonse Ndabiseruye wurde von Kugeln durchsiebt, er überlebte. Burundi hatte in den 90er Jahren keinen Völkermord wie das Nachbarland Ruanda, dennoch starben bei Massakern Hunderttausende.

Wie in Ruanda hat aber auch Burundi eine Mehrheit der Hutus (circa 84 Prozent) und die Tutsis (circa 14 Prozent) als seine beiden Haupt-Volksgruppen. Seit der Unabhängigkeit von der Kolonialmacht Belgien 1962 schwelt ein Bürgerkrieg zwischen ihnen. Er eskalierte zwei Mal brutal: Anfang der 70er Jahre, als sich die Hutus gegen die Tutsis auflehnten, und 1993, als der erste Hutu-Präsident Melchior Ndadaye kurz nach dem Amtsantritt ermordet wurde.


Die Tutsis - meist Viehzüchter - waren von der Kolonialmacht etwa bei der Bildung bevorzugt worden und bildeten die Eliten, hielten die meiste Macht im Staat in Händen. Als sie die Unabhängigkeitsbewegung vorantrieben, schwenkten die Belgier zur Unterstützung der Hutus - meist Bauern - um. Hier liegt der Konflikt begraben, der Burundi seither heimsucht. Anfang der 70er Jahre schlug die Staatsmacht der Tutsi den Aufstand der Hutu nieder: 250.000 wurden ermordet. Später wurden die Hutus in Regierung und Behörden integriert, aber es kam noch schlimmer.

"Nie Wieder!"
Als die Hutus unmittelbar Rache wegen des Attentats an "ihrem" Präsidenten Ndadaye am 21. Oktober 1993 nahmen und die Tutsis kollektiv verantwortlich machten, war auch Adele Honyoredako am eigenen Leib betroffen. Damals war sie 30, hatte zwei Kinder. Die Hutus in Giheta, dem Dorf in dem sie lebte, sammelten die lokalen Tutsis zusammen und sperrten sie in einem Haus ein, Adeles Mann war damals gerade nicht da. In der Nacht mussten die Eingesperrten einzeln unter den Rufen "Gebt uns unseren Präsidenten wieder, ihr habt unseren Präsidenten getötet!" das Haus verlassen, schildert die heute 55-Jährige. Draußen vor der Tür töteten die fanatischen Zivilisten ihre Nachbarn, mit denen sie bisher eine Wasserquelle geteilt hatten mit Macheten. Adele überlebte nur, weil sie für tot gehalten wurde - als einzige von rund 20 Tutsis in Giheta. Soldaten, die kamen, um dem Morden ein Ende zu setzen, halfen ihr aus einem Massengrab, in das sie schwer verletzt geworfen worden war.

300.000 Menschen starben in jener Zeit gewaltsam. An das Flammenmassaker, das ein Lehrer an seinen Schülern verübte, erinnert heute noch ein Denkmal mit der Aufschrift "Nie Wieder!" an der Straße zwischen der Hauptstadt Bujumbura nahe dem Ort der Gräueltat in der Provinz Gitega. "Immer wenn es Spannungen gibt, kommt dieser Gedanke von den Ethnien zurück", beklagt der katholische Pater Alphonse. Er selbst wurde 1993 Opfer der unbändigen Wut. Tutsi-Milizen beschossen das Auto, in dem der Priester mit drei Kollegen und einer Nonne saß. Alle Insassen wurden verletzt. Alphonse allein trug 23 Schusswunden davon. Der heutige Caritas-Direktor von Bujumbura wurde später in Deutschland behandelt und studierte in Bonn und Freiburg Theologie. Noch immer aber trägt er über 100 Munitionssplitter im Körper.

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Dokument erstellt am 2018-07-26 17:38:14


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