• vom 23.08.2018, 16:13 Uhr

Weltchronik

Update: 23.08.2018, 16:27 Uhr

Irak

Radeln für den Umbruch




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Von WZ-Korrespondentin Birgit Svensson

  • Iraks Jugend begehrt auf: Seit Wochen toben erbitterte Proteste gegen das politische Establishment.

Marina Jaber hat die Fahrrad-Aktion initiiert. Ihr Vater redet seither kein Wort mehr mit ihr. - © Svensson

Marina Jaber hat die Fahrrad-Aktion initiiert. Ihr Vater redet seither kein Wort mehr mit ihr. © Svensson

Bagdad. Sie ist kess, selbstbewusst und hat keine Angst vor Tabus. Marinas Fahrrad ist knallrot lackiert und fällt sofort auf. Was als Kunstperformance begann, ist mittlerweile zur Kampagne geworden. Zunächst radelte sie alleine durch Bagdad, gefolgt von einer Kamera. Nun hat die Aktion Nachahmerinnen gefunden. Vor allem freitags, dem islamischen Feiertag, wenn alle frei haben, fahren Frauen auf dem Rad durch Bagdad. Manche Passanten bleiben stehen und schauen den Frauen verwundert nach, manche auch mit Bewunderung für ihren Mut. Denn Fahrradfahren ist für Frauen in dem konservativ-islamischen Land Irak noch immer eine Seltenheit.

Marina jedoch ist inzwischen in aller Munde. Sogar der japanische Botschafter in Bagdad wollte sich mit der irakischen Radlerin filmen lassen. Das Video steht nun auf der Webseite der diplomatischen Vertretung. Soll sagen: "Schaut her, wozu Frauen in Bagdad fähig sind. Es geht aufwärts."


Bis sie zwölf Jahre alt war, konnte sie ungehindert Fahrrad fahren, erzählt Marina in ihrem Lieblingscafé Rada Alwan im Bagdader Stadtteil Karrada. Als sie dreizehn wurde, war es dann vorbei. Marina war in der Pubertät. "Sie sagten, du könntest dein Jungfernhäutchen verletzen, eine Frau fährt nicht Fahrrad." Um heiraten zu können, muss ein Mädchen noch Jungfrau sein.

Heute ist Marina 26 und vor zwei Jahren das erste Mal wieder auf ein Fahrrad gestiegen, im Zawra Park, dem Zentralpark Bagdads. Dort nahm sie mit anderen Mitgliedern der Künstlerinitiative "Tarkib" an einer Aktion für zeitgenössische Kunst teil, wobei das Fahrrad ein Element der Darstellung war. Das hat ihr Mut gegeben. Erst habe sie gedacht, sie tue etwas Verbotenes, das sozial inakzeptabel sei. Doch dann habe sie sich gefragt, warum eigentlich. "Warum machen wir bestimmte Dinge und andere nicht?"

Tarkib ist eine freie Gruppe irakischer Nachwuchskünstler, die seit 2015 Musik, Theater, Literatur, Film und Kunstinstallationen herstellen und aufführen. Seit September vergangenen Jahres ist "Tarkib" das erste Zentrum zeitgenössischer Kunst im Land und hat seinen Sitz in der irakischen Hauptstadt.

Marina beschloss, aus dem Park hinauszufahren und in die Viertel Bagdads hinein. In Karrada, wo sie zuhause ist, und auch im Stadtteil Mansour, am Westufer des Tigris, seien die Leute aufgeschlossener als in anderen Vierteln. Sie klatschten und freuten sich, als die junge Radlerin an ihnen vorbeifuhr. In Jogia oder Midan, im konservativen Zentrum, blieben vor allem Männer überrascht stehen und schauten der jungen Frau auf dem roten Fahrrad nach. Doch auch dort hat sie aufmunternde Zustimmung bekommen. Dadurch hat sich Marinas Gesellschaftsbild geändert.

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Schlagwörter

Irak, Jugend, Aufbruch, Frauen

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-08-23 16:23:45
Letzte Änderung am 2018-08-23 16:27:02


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