• vom 14.11.2018, 17:11 Uhr

Weltpolitik

Update: 15.11.2018, 06:55 Uhr

Syrien-Krieg

Islam als Motivationsnarrativ




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Von WZ-Korrespondent Markus Schauta

  • Friedens- und Konfliktforscher Maximilian Lakitsch über die Rolle der Religion im Syrienkrieg.



Feinbild nicht nur für die Religiösen: Diktator Bashar al-Assad.

Feinbild nicht nur für die Religiösen: Diktator Bashar al-Assad.© afp/Kadour Feinbild nicht nur für die Religiösen: Diktator Bashar al-Assad.© afp/Kadour

"Wiener Zeitung": Im achten Jahr des Syrienkrieges scheinen die Fronten zwischen den Kriegsparteien mehr denn je entlang der Konfessionen zu verlaufen. Eine sunnitische Opposition im Nordwesten des Landes steht einem von schiitischen Verbündeten gestützten Regime gegenüber. In der Provinz Idlib und im Norden Aleppos etwa wird die verbliebene Opposition von salafistisch-dschihadistischen Gruppen dominiert. Wie kam es zu dieser Entwicklung?

Maximilian Lakitsch: Die Proteste 2011 begannen mit rein politischen Forderungen. Doch als Gewalt ins Spiel kam, setzte eine Dynamik ein, in der die Religion irgendwann in den Konflikt hineingesogen wurde. In den ersten zwei Jahren dominierte die säkulare Opposition. Gleichzeitig gab es aber Milizen, die sich als dschihadistisch beschrieben. Oft war es aber so, dass eine befreundete Gruppe beschloss, gemeinsam gegen Assad zu kämpfen. Das geschah meist in ländlichen Regionen. Der Freundeskreis hatte aber weder Waffen noch Finanzen. Aber die Gruppe wusste, wenn man ihr einen religiösen Namen verpasst, Namen aus der Tradition des Propheten, ist die Chance groß, Funding von der Arabischen Halbinsel zu bekommen. Dann entsteht also eine Miliz, und wenn sich der militärische Erfolg einstellt, kommen weitere Mitglieder hinzu. Auch wenn die religiösen Symbole anfangs rein pragmatische Gründe hatten, transformiert sich das und wird tatsächlich religiös gefärbt. Hinzu kamen religiöse Narrative - bei Al-Kaida und dem Islamischen Staat (IS) vor allem das Apokalyptische. In einem aussichtslosen Krieg, in dem der Einzelne erkennt, dass er keine Chance hat, die Menschen in einer Trümmerlandschaft leben, können diese Narrative existenzielle Motivation bieten, um weiterzukämpfen.

Information

Maximilian Lakitsch ist Friedens- und Konfliktforscher an der Universität Graz. Sein Regionalschwerpunkt ist der Nahe Osten, wo er sich mit der Rolle von Religion in Konflikten auseinandersetzt.

Spielt die moderate Opposition noch eine Rolle?

Man hat am Anfang des Konflikts so getan, als ob die säkulare Opposition riesig wäre. Folgt man der aktuellen Berichterstattung, ist das Gegenteil der Fall. Es scheint, als bestehe die gesamte Opposition ausschließlich aus Dschihadisten. In Wirklichkeit muss man von einer Koexistenz sprechen, wobei im Nordwesten Aleppos tatsächlich dschihadistische Gruppen dominieren.

Zahlreiche Beobachter sahen im Syrienkrieg immer eine Fortsetzung des Konflikts zwischen Sunniten und Schiiten. Verlaufen die Frontlinien tatsächlich entlang der Konfessionen?

Es gibt unterschiedliche Gründe, warum Menschen das Regime unterstützen oder auch nicht. So gibt es viele Sunniten, die nach wie vor zum Regime halten. Es sind ja viele Ämter mit Sunniten besetzt. Diese Leute haben viel zu verlieren, wenn das Regime stürzt; ihren Arbeitsplatz, ihre ökonomisch einflussreiche Position. Auf der anderen Seite gab es aber auch Alawiten und Christen, die sich der Opposition angeschlossen haben. Das konnte ideologisch-politische Gründe haben, etwa weil man es satthatte, dass die vom Regime seit Jahrzehnten versprochenen Freiheiten immer noch auf sich warten ließen. Aber auch ökonomische Gründe: Viele Alawiten sind arm, weil die politische Situation in Syrien ist, wie sie ist. Sie schulden dem Regime nichts, ihre alawitische Identität ist uninteressant. Sie sind vor allem Syrer, die sich unterdrückt fühlen und somit ihren Grund haben zu rebellieren.




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-11-14 17:22:21
Letzte Änderung am 2018-11-15 06:55:57


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