• vom 08.01.2019, 07:44 Uhr

Weltpolitik

Update: 08.01.2019, 12:37 Uhr

Internationale Beziehungen

Nordkoreas Machthaber Kim besucht überraschend China




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Von WZ Online, APA, dpa

  • Vor einem möglichen baldigen Gipfel mit Trump will sich Kim noch einmal mit Chinas Präsident Xi abstimmen.

Mit einem Sonderzug aus Nordkorea ist dessen Machthaber Kim Jong-un überraschend in China eingetroffen. - © APAweb / Reuters, Jason Lee

Mit einem Sonderzug aus Nordkorea ist dessen Machthaber Kim Jong-un überraschend in China eingetroffen. © APAweb / Reuters, Jason Lee

Pjöngjang. Ungewöhnlich schnell berichten die nordkoreanischen Staatsmedien über die Reise von Machthaber Kim Jong-un nach China. Noch bevor der Diktator am Dienstagmorgen mit dem Zug in Peking eintrifft, wissen die Menschen des weithin abgeschotteten Landes schon, dass Kim in Sachen Gipfeldiplomatie unterwegs ist. Kein Wort verlieren die Medien in den Berichten über seinen - womöglich 35. - Geburtstag.

Er wird bei seiner Reise von seiner Frau Ri Sol-ju sowie dem Chefunterhändler für die Verhandlungen mit den USA, Kim Yong-chol, begleitet, wie die nordkoreanische Nachrichtenagentur KCNA berichtete. In seiner Delegation sind auch Außenminister Ri Yong-ho und Verteidigungsminister No Kwang-chol. 

In Südkorea wurde sogleich spekuliert, das stalinistisch regierte Nordkorea wolle sich mit der relativ raschen Informierung als normales Land präsentieren, und "nicht viel anders als andere Staaten, was den Umgang mit solchen Angelegenheiten" betreffe, wie die Nachrichtenagentur Yonhap kommentierte. Die schnelle Berichterstattung über die Reise gilt als weiterer Beweis dafür, dass sich Kim im Stil und seinem Auftreten von seinem Vater Kim Jong-il unterscheidet, von dem er nach dessen Tod Ende 2011 die Macht übertragen bekommen hatte.

Kim Jong-un gibt sich gern leutselig, zeigt sich anders als sein Vater gerne unter Menschen, nimmt mit seiner Frau Ri Sol-ju an Konzerten und Sportveranstaltungen teil und hält öffentliche Reden oder, wie zuletzt am Neujahrstag, Fernsehansprachen.

Warum dagegen sein Geburtstag nicht groß im eigenen Land gefeiert wird, während die Geburtstage seines Vaters und seines Großvater, dem Staatsgründer Kim Il-sung als wichtige Feiertage begangen werden, ist unklar. Das hat für das Land, in dem um die Herrscher-Familie ein oft skurriler Kult mit eigener Mythenbildung zelebriert wird, große Bedeutung.

Der 8. Jänner 1984 jedenfalls gilt nach Angaben der südkoreanischen Regierung als wahrscheinlichstes Geburtsdatum. Eine Bestätigung aus Nordkorea gab es bisher nicht. Doch als die "Washington Post" 2016 Kims in die USA geflüchtete Tante Ko Yong-suk interviewte, betonte diese, dass 1984 mit Sicherheit das Geburtsjahr sei: "Er (Kim) und mein Sohn waren von Geburt an Spielgefährten."

Keine Feier wegen prekärer wirtschaftlicher Gesamtsituation?

In Südkorea wird auch die nach wie vor prekäre wirtschaftliche Gesamtsituation des Landes als Grund dafür gesehen, warum Kims Geburtstag quasi nicht stattfindet. Da die Sanktionen gegen Nordkorea aufgrund seines Atomwaffenprogramms andauern, könnten demnach größere Feierlichkeiten an Kim Jong-uns Geburtstag eventuell auch ein Risiko sein. Als Kim im April 2012 seine erste öffentliche Rede hielt, verhieß er den Bürgern, die herrschende Arbeiterpartei werde sie nicht mehr zwingen, "ihren Gürtel enger zu schnallen".

Als Kim im Juni des vergangenen Jahres bei seinem historischen Gipfeltreffen mit US-Präsident Donald Trump in Singapur eine Erklärung über Wege zur Beendigung des Atomstreits unterzeichnete, war damit für Pjöngjang auch die Hoffnung auf den Beginn einer Ära des Wohlstands verbunden. Doch die Verhandlungen mit den USA sind derzeit festgefahren. Diese wollen so lange an den eigenen Strafmaßnahmen und den UNO-Sanktionen gegen Nordkorea festhalten, bis das Land konkrete Schritte zur atomaren Abrüstung unternimmt.

Pjöngjang sieht dagegen Washington am Zug und verlangt eine Lockerung der Sanktionen. Kim hatte im April angekündigt, sein Land werde die Atomtests und Starts von Interkontinentalraketen aussetzen und sich von nun an voll auf das Wirtschaftswachstum konzentrieren.

Mit der Führung in China, über das der größte Teil des nordkoreanischen Handels läuft, will sich Kim nun vor einem geplanten zweiten Gipfel mit Trump abstimmen. Kim braucht Rückendeckung für seine Forderungen. Der südkoreanische Geheimdienst teilte am Dienstag vor Abgeordneten mit, Kim werde mit Präsident Xi Jinping voraussichtlich auch über eine Lockerung von Sanktionen reden.

Kluft wächst

Unter Kim stärkte Nordkorea ganz allgemein private Initiativen und ließ auch mehr marktwirtschaftliche Mechanismen zu. Westliche Beobachter sehen in dem Land einen zunehmenden Materialismus und wachsende Kaufkraft. Doch sei beides vor allem auf die großen Städte beschränkt, insbesondere Pjöngjang. Die Kluft zwischen einer wohlhabenderen Schicht und dem ärmeren Teil der Bevölkerung wachse.

Vor allem im Winter könnte sich die Nahrungsknappheit für viele verschärfen. Das UNO-Kinderhilfswerk UNICEF schrieb im Dezember über Nordkorea, dass in einer Bevölkerung von rund 25 Millionen Menschen die Nahrungssicherheit für 10,9 Millionen nicht gewährleistet sei. Den Menschen fehle der Zugang "zu lebenserhaltenden Grunddiensten wie etwa Wasser, sanitäre Anlagen und Hygiene".

Was die Macht Kims betrifft, so sieht ihn Südkorea nach einer Reihe von politischen Säuberungsaktionen in den vergangenen Jahren fest im Sattel. Kim schart Personen um sich, die sein Vertrauen haben.

Auch wenn Kims derzeitige Charmeoffensive andauert, so sehen Experten schwierige Bedingungen für die Verhandlungen mit den USA. Wenn Kim über "Denuklearisierung" spreche, bedeute das für ihn nicht nur die Aufgabe seines Atomwaffenarsenals, sondern eine Abrüstung auf der gesamten koreanischen Halbinsel, sagt der Forscher des Instituts für Nationale Vereinigung in Seoul, Park Hyeong-jung. Er sei skeptisch, dass Kim auf die Atomwaffen, die er als Sicherheitspfand sieht, wirklich verzichten wolle.

Südkoreas Hoffnung auf Abrüstung

Südkoreas Regierung begrüßte den China-Besuch Kims. Ein Beamter des Außenministeriums äußerte in Seoul die Hoffnung, dass die Gespräche in Peking zu einer vollständigen atomaren Abrüstung und der Schaffung eines permanenten Friedens auf der koreanischen Halbinsel beitragen könnten, wie die südkoreanische Nachrichtenagentur Yonhap berichtete.

Das vierte Treffen von Kim mit Xi erfolgt vor seinem geplanten zweiten Gipfel mit US-Präsident Trump, das in Kürze stattfinden soll. Über den Ort werde noch verhandelt, sagte Trump am Sonntag. "Es wird möglicherweise in nicht allzu ferner Zukunft verkündet." Trotz der mangelnden Fortschritte bei der Abrüstung versicherte Trump, der Dialog laufe gut. Es gibt Spekulationen, dass der Gipfel in Vietnam stattfinden könnte. Auch war in US-Berichten von Indonesien oder der Mongolei die Rede. Ein Termin steht allerdings auch noch nicht fest.

Bei ihrem historischen ersten Gipfel im Juni in Singapur hatten sich Trump und Kim allgemein auf das Ziel einer atomaren Abrüstung auf der koreanischen Halbinsel geeinigt. Doch konkrete Zusagen, bis wann das nordkoreanische Atomwaffenarsenal abgerüstet werden soll und wie die Gegenleistungen der USA aussehen könnten, blieben bisher aus.





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Copyright © Wiener Zeitung Online 2019
Dokument erstellt am 2019-01-08 07:46:26
Letzte Änderung am 2019-01-08 12:37:34


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