• vom 08.01.2019, 17:40 Uhr

Weltpolitik

Update: 08.01.2019, 18:02 Uhr

Nordkorea

Auftakt zum Atom-Poker




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  • Nordkoreas Machthaber Kim Jong-un holt sich vor seinem baldigen Treffen mit US-Präsident Donald Trump Rückendeckung aus China - mit einem überraschenden Besuch in Peking.

Der rote Teppich war in Pjöngjang vor der Abfahrt mit dem Sonderzug Richtung China für Kim und seine Frau Ri Sol-ju reserviert. - © afp

Der rote Teppich war in Pjöngjang vor der Abfahrt mit dem Sonderzug Richtung China für Kim und seine Frau Ri Sol-ju reserviert. © afp

Pjöngjang/Peking. (apa/leg) Es war für die Einwohner der chinesischen Stadt Dandong an der Grenze zu Nordkorea nicht das erste Mal, dass sich rund um den Grenzfluss Yalu ein geheimnisumwittertes Schauspiel vollzog. Um 22.15 Uhr Ortszeit überquerte am Montagabend ein Zug aus Nordkorea die Grenze. Es war kein gewöhnlicher Zug: Dutzende gepanzerte Fahrzeuge und eine große Menge an Sicherheitskräften blockierten die Straßen im Umkreis des Bahnhofes der chinesischen Stadt. Hotelgästen, die Zimmer mit Blick auf die Grenze bezogen hatten, soll sogar untersagt worden sein, ihre Räumlichkeiten zu betreten.

Der Grund: Nordkoreas Staatschef Kim Jong-un. Zum bereits vierten Mal binnen eines Jahres überquerte er mit seinem Sonderzug die Grenze zu China, um sich dort am Dienstag mit Chinas Staatsoberhaupt Xi Jinping zu treffen. Das Gespräch der beiden Staatschefs dauerte laut der südkoreanischen Nachrichtenagentur Yonhap eine Stunde. Danach sollen Kim und seine Frau Ri Sol-ju an einem Abendessen mit Xi und seiner Gattin Peng Liyuan teilgenommen haben.

Gegenseitiges Misstrauen

Kims Visite in Peking, die noch bis Donnerstag andauert, dient unter anderem der Vorbereitung auf das nahende Gipfeltreffen Kims mit US-Präsident Donald Trump. Wann und wo dieses Treffen stattfinden soll, ist noch unklar. Ort und Zeitpunkt sollen "möglicherweise in nicht allzu ferner Zukunft verkündet" werden, hatte Trump am Sonntag in Washington gesagt. Es gibt Spekulationen, dass der Gipfel in Vietnam stattfinden könnte. Auch war in US-Berichten von Indonesien oder der Mongolei die Rede.

Die Verhandlungen über eine atomare Abrüstung Nordkoreas waren zuletzt ins Stocken geraten. In seiner Neujahrsansprache hatte Kim mit einer Abkehr vom Annäherungskurs gedroht, falls die USA an ihren Sanktionen gegen das international isolierte kommunistische Regime festhalten. Er warf den USA vor, Zusagen nicht einhalten zu wollen und Pjöngjang einseitige Abrüstungsschritte abzupressen. Kim forderte, dass die USA ihre Militärmanöver mit Südkorea beenden und dass keine strategischen Waffen auf die koreanische Halbinsel gebracht werden dürften. "Falls die USA ihre vor der ganzen Welt gemachten Versprechen nicht erfüllen, unsere Geduld falsch einschätzen und an Sanktionen und Druckmitteln festhalten, um Dinge einseitig zu erzwingen, werden wir wahrscheinlich keine andere Wahl haben, als einen neuen Weg auszuloten", hatte Kim gesagt.

Dieser "neue Weg" könnte vor allem in einer engeren Anbindung an China bestehen. Mit seinem Besuch in Peking wolle Kim der US-Regierung vor Augen führen, dass er auch andere diplomatische und wirtschaftliche Optionen habe, sagte Harry J. Kazianis vom US-Außenpolitik-Institut Centre for the National Interest. China ist Nordkoreas größter Handelspartner. Pjöngjang erhofft sich aus Peking Impulse zur wirtschaftlichen Modernisierung - und Rückendeckung in den Gesprächen mit den USA.

Trotz dieser für die USA eher trüben Aussichten reagierte die US-Regierung auf den Besuch Kims in China positiv. US-Außenminister Mike Pompeo lobte inmitten des Handelsstreits der USA mit China - derzeit führt eine US-Delegation in Peking Gespräche, um den Disput beizulegen - Chinas Unterstützung in der Frage der atomaren Abrüstung Nordkoreas. Auch die südkoreanische Regierung begrüßte Kims Visite in Peking.

Keine Feiern zum Geburtstag

Dass Kim mit seinem grün-gelben Panzerzug anreiste, ist kein Zufall. Wie sein Vater Kim Jong-il, der unter Flugangst litt und Staatsbesuche nur mit dem Zug absolvierte, so hat auch der Sohn Angst vor Attentaten. Ungewöhnlich für ein Mitglied der Kim-Dynastie ist allerdings der Umstand, dass Kim Jong-un am 8. Jänner nach China reiste. Denn das Datum gilt - wenn auch offiziell nicht bestätigt - als das möglichste Geburtsdatum des nordkoreanischen Diktators. Während aber die Geburtstage von Kim Il-sung und Kim Jong-il in der abgeschotteten, nach stalinistischen Mustern regierten "Demokratischen Volksrepublik Korea" pompös gefeiert wurden, verzichtet der junge Nachfolger auf große Feiern zu seinem wohl 35. Geburtstag.

Der Grund dafür ist unklar. Möglich ist, dass Kim den Unmut des Volkes fürchtet, da die wirtschaftliche Situation im Land trotz leichter Verbesserungen immer noch prekär ist.





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Copyright © Wiener Zeitung Online 2019
Dokument erstellt am 2019-01-08 17:53:18
Letzte Änderung am 2019-01-08 18:02:18


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