• vom 08.01.2019, 17:57 Uhr

Weltpolitik


Jim Yong Kim

"America First" für die Weltbank




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Von Ronald Schönhuber

  • Der überraschende Abgang von Jim Yong Kim gibt US-Präsident Trump die Möglichkeit, einen Weltbank-Chef nach seinem Geschmack zu installieren.

Jim Yong Kim legt sein Amt am 1. Februar zurück und wechselt in die Privatwirtschaft.

Jim Yong Kim legt sein Amt am 1. Februar zurück und wechselt in die Privatwirtschaft.© reuters Jim Yong Kim legt sein Amt am 1. Februar zurück und wechselt in die Privatwirtschaft.© reuters

Washington. Ihre neue Aufgabe wird Kristalina Georgieva schon am 1. Februar antreten. Dann wird die ehemalige EU-Kommissarin interimistisch die Agenden von Weltbank-Präsident Jim Yong Kim übernehmen, der am Montag völlig überraschend seinen Wechsel in die Privatwirtschaft angekündigt hat. Dass die derzeitige Nummer zwei langfristig an der Spitze der in Washington ansässigen Weltbank bleibt, gilt allerdings als ziemlich ausgeschlossen. Denn Georgieva ist Bulgarin und seit der Gründung von Weltbank und Internationalem Währungsfonds (IWF) im Jahr 1945 wurden die Spitzenpositionen in den beiden Schwesterorganisationen immer konsequent aufgeteilt: Die Amerikaner stellten den Weltbank-Präsidenten, die Europäer den IWF-Chef.

Dieser seit mehr als 70 Jahren gelebten Tradition folgend ist damit nun also US-Präsident Donald Trump am Zug, einen neuen Kandidaten für die Weltbankführung zu nominieren. Und aller Wahrscheinlichkeit nach wird der neue Mann oder die neue Frau an der Spitze wohl eine deutlich andere Agenda verfolgen als der 2012 von Trumps Amtsvorgänger Barack Obama ins Rennen geschickte Kim. So hat der ehemalige Universitätspräsident sich zwar nie offen gegen den von einem Comeback der Kohle träumenden Trump gestellt, doch unter Kims Führung hat die Weltbank, die zu den wichtigsten Kreditgebern für Entwicklung- und Schwellenländer zählt, die Eindämmung des Klimawandels zu ihrem Hauptaufgabengebiet neben der Armutsbekämpfung gemacht. Die Finanzierung von kohleverarbeitenden Betrieben wurde drastisch zurückgefahren, die Investments in erneuerbare Energien stiegen dagegen sprunghaft an.


Der Klimaschutz ist allerdings nur eines von vielen Themen, bei dem ein von Trump nominierter Kandidat für Kontroversen sorgen dürfte. So hat der US-Präsident immer wieder deutlich gemacht, dass er von multilateralen Organisationen wie der Nato oder der Welthandelsorganisation WTO wenig bis überhaupt nichts hält. Und auch die Weltbank zählt nicht unbedingt zu den Liebkindern der derzeitigen US-Administration. John Bolton, seit April Nationaler Sicherheitsberater, hat etwa schon vor zwei Jahren einen Artikel veröffentlicht, in dem er zahlreiche Argumente für eine Privatisierung der Organisation anführt, die von US-Seite zuletzt vor allem auch wegen der Verteilung ihrer Mittel kritisiert wurde. So sollte sich die Weltbank nach Ansicht von David Malpass, US-Unterstaatssekretär für internationale Angelegenheiten, viel stärker auf die ärmsten Länder der Welt konzentrieren, als große kostengünstige Darlehen an aufstrebende Länder wie das derzeit mit den USA im Handelsstreit liegende China zu vergeben.

Trump droht Widerstand
Ein Selbstläufer ist die Besetzung des Weltbankchefs für Trump allerdings nicht. So sind die USA vor Japan und China zwar die größten Anteilseigner und verfügen über die meisten Stimmrechte, doch auch schon bei der Wahl Kims im Jahr 2012 hatte es Widerstand gegen den Quasi-Automatismus eines amerikanischen Präsidenten gegeben. Denn vor allem die Schwellenländer drängen drauf, dass angesichts der Verschiebungen in der Weltwirtschaft ein Kandidat aus ihren Reihen zum Zug kommt. "Wenn Weltbank und IWF für den Rest der Welt mehr Attraktivität bekommen sollen, muss der Fesselgriff der Europäer und Amerikaner ein Ende haben", sagt Raghuram Rajan, Ex-Gouverneur der indischen Notenbank und nun Professor für Finanzwirtschaftslehre an der Universität von Chicago.

Nicht zuletzt dürften sich aber auch die Europäer gegen einen Weltbank-Chef sträuben, der offen im Widerspruch zu den bisherigen Zielen der Organisation steht. "Es geht bei der Neubesetzung immer um Koalitionen und die stärkste Koalition war in den vergangenen 75 Jahren die europäisch-amerikanische", sagt Scott Morris von der Denkfabrik Center for Global Development gegenüber der Finanznachrichtenagentur "Bloomberg". "Doch derzeit ist es schwierig, eine starke Basis dafür zu sehen, dass das auch weiterhin so bleibt."




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Dokument erstellt am 2019-01-08 18:08:18


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