• vom 21.01.2019, 18:09 Uhr

Weltpolitik

Update: 23.01.2019, 11:47 Uhr

Melissa Fleming

Vom Meer verschluckt: Bilder, die man nicht vergessen kann




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Von Siobhán Geets

  • Die Geschichte einer jungen Syrerin steht stellvertretend für unzählige. Melissa Fleming gibt ihrem Schicksal eine Stimme.

Vier Tage und Nächte überlebte Doaa mit zwei ihr anvertrauten Babys auf dem offenen Meer. - © Zeichnung: Isa Lange

Vier Tage und Nächte überlebte Doaa mit zwei ihr anvertrauten Babys auf dem offenen Meer. © Zeichnung: Isa Lange

Vier Tage sollte ihr Überlebenskampf dauern. Das Meer verschlang ihren Verlobten und 500 weitere Menschen, die, wie sie, voller Hoffnung gewesen waren. Die Geschichte des syrischen Mädchens Doaa al Zamel steht stellvertretend für unzählige grausame Schicksale. Melissa Fleming vom Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen (UNHCR) hat ein Buch darüber geschrieben, Steven Spielberg will es nun verfilmen.

"Doaa - Meine Hoffnung trug mich über das Meer" erzählt davon, wie die junge Syrerin, damals noch ein Teenager, dem Krieg in ihrer Heimat entkommt, um in Ägypten einsehen zu müssen, dass es dort keine Zukunft für sie und ihre Familie gibt. Gemeinsam mit ihrem Verlobten steigt sie in ein Boot nach Europa, das nach einem Angriff durch Unbekannte kentert. Von den rund 500 Menschen an Bord überlebt nicht einmal ein Dutzend, darunter Doaa und eines der beiden Babys, die Ertrinkende ihr während der Tage und Nächte auf offener See anvertraut haben. In Griechenland wurde Doaa nach ihrer Rettung als Heldin gefeiert. Heute lebt sie mit ihrer Familie in Schweden.

Information

Melissa Fleming ist die leitende Pressesprecherin des Hochkommissariats der Vereinten Nationen für Flüchtlinge (UNHCR) in Genf. Die US-Amerikanerin gilt als wichtigste Expertin in Flüchtlingsfragen. Die studierte Germanistin und Journalistin lebt in Genf und Wien.

"Wiener Zeitung": Wie hat Doaa überlebt? Andere, darunter ihr Verlobter, waren körperlich viel stärker als sie - und die meisten gaben auf.

Stimme von 65 Millionen Geflüchteten: Fleming in Wien.

Stimme von 65 Millionen Geflüchteten: Fleming in Wien.© Kati Bruder Stimme von 65 Millionen Geflüchteten: Fleming in Wien.© Kati Bruder



Melissa Fleming: Doaa hat eine innere Stärke, die die wenigsten haben, von der sie selbst nichts wusste. Sie hat einen starken Charakter, sie ist stur, und sie hatte ihre Religion. Wäre sie nicht für die Babys verantwortlich gewesen, hätte das ganz anders für sie ausgehen können.

Doaa gibt den Zahlen ein Gesicht. Können reale Geschichten wie diese etwas ändern?

Wenn Menschen mit Statistiken konfrontiert werden, fühlen sie nichts, die Empathie schwindet. Ich bin überzeugt, dass man, um mit Flüchtlingen und anderen Notleidenden mitfühlen zu können, echte Geschichten erzählen muss.

Können Bilder wirklich etwas bewegen? Hat etwa Alan Kurdi, der tote Bub am Mittelmeerstrand, letztendlich etwas bewirkt?

Kurzfristig schon. Manche Länder haben ihre Politik für kurze Zeit geändert. Es gab auch einen Anstieg der Spenden für unser Programm. Jeder interessierte sich für den kleinen Buben, jeder wollte seine Geschichte kennen. Leider gibt es nicht viele solche Momente. Wie viele Kinder sind seither im Mittelmeer ertrunken? Tausende. Wir kennen ihre Namen nicht, ihre Geschichte. Niemand interessiert sich dafür.

Mit Spielberg interessiert sich nun jemand für Doaas Geschichte, der mit "Schindlers Liste" vielen Menschen etwas über den Holocaust gelehrt hat. Kann ihm das auch mit der Flüchtlingskrise gelingen?




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Dokument erstellt am 2019-01-21 18:20:44
Letzte Änderung am 2019-01-23 11:47:01



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