• vom 22.04.2015, 09:41 Uhr

Weltpolitik

Update: 23.04.2015, 17:58 Uhr

Armenischer Genozid 1915

Der geleugnete Völkermord




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Hart, aber nützlich

Deutsche Konsuln und Offiziere in türkischen Diensten, andere Diplomaten und amerikanische Missionare wurden Zeugen der Gräuel und berichteten nach Hause. Auch die österreichisch-ungarische Monarchie wusste genau, was vor sich ging; etwa durch die umfangreichen Aufzeichnungen des k.u.k. Feldmarschall-Leutnants Joseph Ritter von Pomiankowski.

Die deutsche Botschaft in Konstantinopel beschwor die Führung in Berlin, bei dem Verbündeten vorstellig zu werden. Doch Reichskanzler Theobald von Bethmann-Hollweg winkte ab: Bis Kriegsende würde die Türkei gebraucht, da könne man auf die Armenier keine Rücksicht nehmen. Und in einer deutschen Zensurvorschrift von 1915 hieß es: "über die armenische Frage wird am besten geschwiegen". Der einzige deutsche Reichstagsabgeordnete, der den ersten Massenmord des 20. Jahrhunderts anzuprangern versuchte, war der KPD-Gründer Karl Liebknecht. "Ist dem Herrn Reichskanzler bekannt, dass unsere türkischen Bundesgenossen die Armenier zu Hunderttausenden niedermachen?", fragte er am 11. Jänner 1916 im Reichstag, worauf die Sitzung vom Präsidium mit lautem Glockenklang abgebrochen wurde. Auch der Potsdamer Theologe Johannes Lepsius, Gründer eines armenischen Hilfswerks, setzte Himmel und Hölle in Bewegung - vergebens.

Bis zum Ende des Ersten Weltkriegs 1918 wurden zwischen 600.000 und 1,5 Millionen Armenier getötet, vertrieben oder zur Assimilierung gezwungen. An Erschießungen hatten sich auch deutsche Offiziere beteiligt.

Bei Kriegsende fanden die schlimmsten Kriegsverbrecher mit deutscher Militärhilfe Zuflucht in Berlin. Armenische Rächer übten in einer "Operation Nemesis" Selbstjustiz. Dabei erschoss ein armenischer Student am 15. März 1921 mitten in Berlin Talaat Pascha.

Politik der Verneinung

Frankreich, Kanada, Russland, die Schweiz und die Niederlande haben Jahrzehnte danach gegen zum Teil heftigen türkischen Protest beschlossen, offiziell von einem Genozid an den Armeniern sprechen. Viele andere Staaten - darunter die USA, Großbritannien, Österreich und Deutschland - tun das bis heute nicht. In der Türkei selbst ist das Thema tabu. Bis heute gibt es nicht einmal ein Denkmal, das an die Ereignisse vor 90 Jahren erinnert. Den jüngsten Appellen aus Europa, sich angesichts des angestrebten EU-Beitritts endlich mit diesem dunklen Kapitel der Vergangenheit kritisch auseinanderzusetzen, begegnet Ankara mit Scheinzugeständnissen und PR-Aktionen.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2005-04-22 09:41:58
Letzte Änderung am 2015-04-23 17:58:14

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