• vom 29.01.2005, 00:00 Uhr

Weltpolitik

Update: 08.04.2005, 17:16 Uhr

Ankara missfällt die Lage in Kirkuk

Wahlen im Irak als Grundstein für Kurdenstaat?




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Von Susanne Güsten, APA

  • Besorgt blickt Ankara in den Nordirak. Der vor den Wahlen wachsende Einfluss der Kurden in ihrer Wunschhauptstadt Kirkuk lässt Befürchtungen vor dem Entstehen eines unabhängigen Kurdistans wachsen. Die Vorbildwirkung für die Kurden in der Türkei könnte die innere Sicherheit des Landes gefährden, warnt der türkische Generalstab.

Abdullah Gül gab seine Sorgen schriftlich und an höchster Stelle zu Protokoll. Vor "künstlichen Bevölkerungsverschiebungen" im nordirakischen Kirkuk warnte der türkische Außenminister in einem Brief an UN-Generalsekretär Kofi Annan. Güls Chef, Premier Recep Erdogan, fügte dieser Lagebeschreibung vor Journalisten in Ankara noch eine direkte Warnung an die USA hinzu: Die Amerikaner würden einen hohen Preis zahlen müssen, wenn die Entwicklung in Kirkuk aus dem Ruder laufen sollte. Ein Sprecher des türkischen Generalstabs deutete sogar die Möglichkeit eines militärischen Eingreifens der Türkei an.


Dass die politische und militärische Führung der Türkei kurz vor der Wahl im Irak rhetorisch aus allen Rohren schießt, zeigt zum einen, wie frustriert Ankara angesichts der amerikanischen Politik im Nachbarland Irak ist. Zum anderen zeigen die gereizten Äußerungen, dass es für die Türkei um einen neuralgischen Punkt geht: In Ankara wächst die Befürchtung, dass am Wahltag der Grundstein für ein unabhängiges Kurdistan gelegt werden könnte.

Einfluss in ölreicher Region

Kirkuk gehört bisher nicht zu den kurdischen Regionen im Irak, wird von den Kurden aber als Hauptstadt beansprucht. Die Stadt sei traditionell kurdisch und erst unter Saddam Hussein arabisiert worden, argumentieren kurdische Politiker. Die Araber in der Region, die mit Ankara verbündete Volksgruppe der Turkmenen und die Türkei selbst bestreiten dies und befürchten nun eine "Kurdisierung": In den letzten Tagen erhielten einige zehntausend kurdische Rückkehrer in Kirkuk das Wahlrecht. Damit sind die nordirakischen Kurden ihrem Ziel, Kirkuk zum Zentrum eines neuen Kurdistans zu machen, einen Schritt näher gekommen.

Mit den Hoffnungen der Kurden wachsen die Sorgen der Türken. Ankara befürchtet, dass ein Kurdenstaat im heutigen Nordirak durch die reichen Ölvorräte von Kirkuk wirtschaftlich lebensfähig wäre. In der Umgebung der Stadt lagern mehr als zehn Milliarden Barrel Öl (15,9 Mrd. hl), rund zehn Prozent der gesamten irakischen Vorräte.

Ein unabhängiges und durch den Ölreichtum attraktives Kurdistan an der türkischen Südostgrenze könnte, so türkische Befürchtungen, die kurdische Minderheit in der Türkei aufmüpfig machen oder sogar ein Vereinigungsstreben irakischer und türkischer Kurden auslösen. Die beiden anderen nordirakischen Nachbarn, Iran und Syrien, sind aus ähnlichen Gründen ebenfalls gegen die Errichtung eines Kurdenstaates.

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Dokument erstellt am 2005-01-29 00:00:00
Letzte Änderung am 2005-04-08 17:16:00


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