• vom 28.01.1999, 00:00 Uhr

Weltpolitik

Update: 07.04.2005, 10:15 Uhr

Mehr als zwei Jahrzehnte Terror und Repression

Osttimor · ein vergessener Völkermord




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  • Jakarta/Dili · Nahezu unbemerkt hat sich seit dem indonesischen Überfall im Dezember 1975 in dem früheren portugiesischen Überseegebiet Osttimor eine Tragödie abgespielt, für die
  • Flüchtlinge, Kirchenvertreter und Menschenrechtsorganisationen übereinstimmend den Begriff Völkermord verwenden. Trotz der Ankündigung eines Truppenabzugs nach dem erzwungenen Rücktritt des
  • Langzeitdiktators Suharto im Mai vorigen Jahres hatte Indonesien seine Militärpräsenz in Osttimor weiter erhöht.

Ein Drittel der vorwiegend katholischen Bevölkerung ist nach der Invasion zugrunde gegangen. Ungeachtet der regelmäßig erneuerten Rückzugsaufrufe der UNO terrorisierten 15.000 Besatzungssoldaten

den 14.610 km² großen Ostteil der rund 500 km nördlich von Australien gelegenen östlichsten Sunda-Insel. Völkerrechtlich ist Portugal von der UNO weiter mit der Verwaltung des Territoriums bis zur


Verwirklichung der Unabhängigkeit beauftragt.

Das osttimoresische Drama begann im April 1974 mit der "Nelken-Revolution" in Lissabon, die zum Ende der 400jährigen portugiesischen Präsenz auf der Insel führte. Am 28. November 1975 rief die

Befreiungsbewegung "Fretilin" die Unabhängigkeit aus, wenige Tage später marschierten Indonesiens Soldaten ein. Am 24. Juni 1976 erklärte Indonesien Osttimor zu seiner "27. Provinz". Das ehemalige

Mutterland Portugal protestierte, brach die diplomatischen Beziehungen zu Jakarta ab und wandte sich an die Vereinten Nationen, die das Selbstbestimmungsrecht Osttimors bekräftigten. Einen großen

Teil der vom Roten Kreuz und anderen Hilfsorganisationen aufgebrachten Mittel für die notleidende Bevölkerung zweigte Jakarta als "Transport- und Verteilungskosten" an die Besatzungstruppen ab.

Gegen die "Fretilin", die einen zunächst erfolgreichen Kleinkrieg führte, wandte die Okkupationsmacht eine regelrechte Aushungerungstaktik an. Die Hungerwaffe wurde so gründlich eingesetzt, daß in

zehn der 13 Verwaltungsbezirke Hungersnot herrschte. Die katholische Kirche hob hervor, daß das Vorgehen der Armee gegen die Unabhängigkeitsbewegung einem Ausrottungsfeldzug gegen die gesamte

Bevölkerung gleichkomme. Sie weigerte sich, der Forderung Jakartas nachzukommen und die Widerstandskämpfer zur Aufgabe aufzurufen. Aus diesem Grund wurden auch Priester und Missionsschüler

verschleppt und gefoltert.

Durch Umsiedlung moslemischer Bauern aus Java und Bali auf die Insel sollte, wie die Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV) berichtete, die einheimische Bevölkerung · ebenso wie in Westneuguinea

(Irian Jaya) · zur Minderheit im eigenen Land gemacht werden. Der von den Besatzungsbehörden ausgewiesene Bischof Martinho da Costa Lopes klagte Indonesien 1984 vor der UNO-Menschenrechtskommission

des Völkermordes an. Von den 1974 registrierten 688.771 Einwohnern der Diözese Dili waren 259.000 nach der Volkszählung 1983 "verschwunden". Dies sei nur mit einem Massaker zu erklären, "der als

Völkermord bezeichnet werden muß". 123 Mitglieder des US-Kongresses prangerten 1984 in einem gemeinsamen Appell die Menschenrechtsverbrechen des "völkerrechtswidrigen militärischen Gewaltregimes" in

Osttimor an.

Die Menschenrechtsorganisation amnesty international (ai) hat dem indonesischen Regime Massenhinrichtungen, willkürliche Festnahmen und andere schwere Menschenrechtsverstöße in Osttimor zur Last

gelegt. Im November 1991 richteten Besatzungstruppen in der osttimoresischen Hauptstadt Dili ein Blutbad an. Soldaten eröffneten das Feuer auf eine Trauergemeinde. Dabei wurden rund 200 Menschen

erschossen. Die Regierung in Jakarta weigerte sich, eine Untersuchung des Massakers durch die Vereinten Nationen zuzulassen.

Die Symbolfiguren der osttimoresischen Unabhängigkeitsbewegung, Bischof Carlos Filipe Ximenes Belo und der Auslandskoordinator der "Fretilin", Jose Ramos-Horta, sind mit dem Friedensnobelpreis

ausgezeichnet worden. Belo hat das indonesische Militär jüngst beschuldigt, zivile Anhänger der Annexion Osttimors zu bewaffnen. Mit einem Bürgerkrieg wolle Jakarta vor der Weltöffentlichkeit die

Anwesenheit indonesischer Truppen in dem Territorium rechtfertigen.



Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 1999-01-28 00:00:00
Letzte Änderung am 2005-04-07 10:15:00

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