• vom 22.09.2011, 12:04 Uhr

Weltpolitik

Update: 23.09.2011, 13:36 Uhr

Syrien

"Militäreinsatz in Syrien würde Opfer verhundertfachen"




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Von Stefan Beig

  • Obmann der "Initiative muslimischer Österreicher" im Interview.

Wiener Zeitung:

In Tunesien, Ägypten und Libyen führte der Arabische Frühling zum Sturz der Regime. In Syrien hält das Regime den Protesten stand. Ist der Widerstand an einen toten Punkt gekommen?
Der Arabische Frühling steht auch in Ägypten und Tunesien erst am Anfang. Diese Staaten müssen jetzt mit dem Aufbau von demokratischen Institutionen beginnen und brauchen eine neue Verfassung. Keine Freiheitsbewegung gelangt an einen toten Punkt, auch nicht die syrische. Alle, sogar das syrische Regime, geben zu, dass es kein Zurück mehr gibt. Die Frage ist: Wann und wie kann ein radikaler Wechsel zu Demokratie, Menschenrechten und Rechtsstaatlichkeit geschehen, und wie viele Opfer wird er fordern?

Könnte das Regime durch ein Massaker alle Hoffnungen zerstören?
Trotz der Zensur gelangen detaillierte Infos über Fotos, Videos und Tonaufnahmen an die Weltöffentlichkeit. Deswegen hoffe ich, dass das Regime kein Massaker anrichten wird. Es gibt bereits einzelne Deserteure und Ermüdungserscheinungen beim Militär. Der Befehl zu einem Massaker könnte zu einer Spaltung des Militärs führen. Übrigens ist nicht das gesamte syrische Militär in die Niederschlagung der Proteste involviert, sondern nur jener Teil, der dem Geheimdienst unterstellt ist.

Information

Zur Person: Tarafa Baghajati, geboren 1961 in Damaskus (Syrien), studierte Bauingenieurwesen in Rumänien. 1984 verbrachte er acht Monate in den Folterkellern des früheren Diktators Hafez el-Assad, drei Monate davon in "Tadmur", dem berüchtigten Gefängnis von Palmyra. Seit 1986 lebt und arbeitet Baghajati als Diplombauingenieur in Wien. Baghajati ist Vortragsredner über Migration, Integration, Antirassismus, Islam und Nahostpolitik. Er gründete 1999 die Initiative muslimischer ÖsterreicherInnen, deren Obmann er heute ist. Seit 1996 besucht er regelmäßig Syrien.


Welche Optionen hat die Opposition noch?
Die Revolutionäre verlangen den Sturz des Regimes. Leider lässt ihnen das syrische Regime keinen anderen Spielraum. Es müsste die Unversehrtheit der Demonstranten gewährleisten, doch jeder weiß, dass Demonstranten verhaftet, verhört, gefoltert werden. Das Regime hat von einem freien Demonstrationsrecht geredet, aber ohne spürbares Ergebnis für die Bevölkerung. Das Regime müsste verstehen, dass eine Übergangsphase mit Zeitplan einen völligen Zusammenbruch verhindern würde. Doch es handelt nicht als Führung, sondern als Eigentümer, der sein Eigentum nicht aufgeben will.

Die Demonstranten könnten aber den Protest durch eine klare Botschaft an alle Gruppierungen Syriens noch erweitern. "Wir sind alle in einem Boot. Es wird keine Mehrheit gegen eine Minderheit geben", müsste sie lauten.  Ohne die Gelehrten in Damaskus und die Geschäftsleute in Aleppo geht in Syrien gar nichts. Aber die engagieren sich noch nicht stark im Protest, weil sie ihre Privilegien nicht verlieren wollen und es keine Vision für die Zeit nach dem Regime gibt. Solange diese beiden Gruppen weitermachen, kann das Regime weiterbestehen.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2011-09-23 12:11:02
Letzte Änderung am 2011-09-23 13:36:01


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