• vom 31.05.2010, 18:40 Uhr

Weltpolitik

Update: 31.05.2010, 18:50 Uhr

Bündnis zwischen Türkei und Israel könnte nach dem Angriff auf Schiffe für Gaza definitiv zerbrechen

Ankara sieht "irreparable Krise"




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Von Susanne Güsten

  • Angriff auf Hilfskonvoi ein "Akt der Piraterie".
  • Türkei könnte sich vermehrt Iran und Syrien zuwenden.
  • Istanbul. (apa) Als die Soldaten aus der Dunkelheit auftauchen, greifen die türkischen Aktivisten an Bord des Schiffes "Mavi Marmara" zum Mikrofon. "Wir werden angegriffen", ruft ein Mann, der von dem Schiff aus im türkischen Fernsehen über die Kommandoaktion der israelischen Armee berichtet. Im Hintergrund sind Schüsse zu hören. "Auseinander!" ruft der Mann den Umstehenden zu. "Sie schießen die ganze Zeit." Der israelische Angriff stellt alle bisherigen Krisen zwischen der Türkei und Israel in den Schatten und könnte das historische Bündnis der beiden Staaten endgültig zerbrechen lassen.

Demonstranten verbrennen während einer Protestkundgebung in Istanbul eine israelische Flagge. Foto: ap

Demonstranten verbrennen während einer Protestkundgebung in Istanbul eine israelische Flagge. Foto: ap

Demonstranten verbrennen während einer Protestkundgebung in Istanbul eine israelische Flagge. Foto: ap

Demonstranten verbrennen während einer Protestkundgebung in Istanbul eine israelische Flagge. Foto: ap Demonstranten verbrennen während einer Protestkundgebung in Istanbul eine israelische Flagge. Foto: ap

Mindestens zehn Menschen - andere Quellen sprechen von bis zu 19 - sterben an Bord der "Mavi Marmara", die meisten sind Türken. Das Schiff mit rund 700 Menschen an Bord führt einen Zug von fünf Frachtern mit insgesamt 10.000 Tonnen Hilfsgütern für die durch eine israelische Blockade isolierten Menschen in Gaza an: Generatoren, Baumaterial, Rollstühle seien an Bord, erklärt die islamische Hilfsorganisation IHH in Istanbul, die den Transport leitet.


Die dramatischen Szenen kurz vor Morgengrauen auf dem Meer vor der israelischen Küste treiben im fernen Istanbul sofort Hunderte Demonstranten auf die Straßen. Sie versuchen, das israelische Generalkonsulat zu stürmen, die Polizei muss sie mit Wasserwerfern zurückschlagen.

Gegen Mittag ist die Menge auf mehrere zehntausend Menschen angeschwollen, die sich mit palästinensischen Fahnen auf dem zentralen Taksim-Platz in der türkischen Metropole versammeln. "Nieder mit Israel", rufen sie. "Auge um Auge, Zahn um Zahn - Rache, Rache", wird skandiert. Plakate lassen die "internationale Intifada" hochleben. Viele Frauen in Kopftüchern marschieren mit, aber auch Geschäftsleute in Anzügen. Am Rand der Demonstration beglückwünschen Autofahrer die Demonstranten.

Botschafterzurückgerufen

Die Reaktionen bleiben nicht auf die Straßen beschränkt. Der israelische Botschafter Gaby Levy wird ins Außenamt bestellt. Ankara warnt Israel vor "irreparablen Schäden" für die Beziehungen. Murat Mercan, der Vorsitzende des Auswärtigen Ausschusses im Parlament in Ankara, spricht von einem Akt der "Piraterie" durch Israel.

In Ankara wirft die Krise den politischen Alltag über den Haufen. Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan bricht eine Südamerika-Reise ab, sein Vize Bülent Arinc trommelt Minister und Militär zu einer Dringlichkeitssitzung zusammen. Das Treffen beschließt, den türkischen Botschafter aus Israel abzuberufen und mehrere Militärmanöver mit den Israelis abzusagen. Bei der UNO in New York fordert die Türkei eine Sondersitzung des Sicherheitsrates. Arinc sagt, der israelische Angriff werde als "dunkler Fleck auf der Geschichte der Menschheit haften bleiben".

Auch die mittelfristigen Konsequenzen der Krise für die Türkei, Israel und die gesamte Region werden weitreichend sein. "Die schwerste Krise überhaupt" zwischen Israel und der Türkei spiele sich ab, sagt der Ex-Außenminister Ilter Türkmen im türkischen Fernsehen. Das historische Bündnis zwischen der muslimischen Republik Türkei und dem jüdischen Staat Israel könnte endgültig zerbrechen. Die Türkei - das Land betrachtet sich selbst als regionale Ordnungsmacht - könnte sich noch mehr als bisher Staaten wie Syrien und Iran annähern. Ohne das bisherige Gegengewicht ihrer Partnerschaft mit Israel. Trotz aller zwischenzeitlichen Spannungen fühlten sich Türken und Israelis lange Zeit durch ihre Gemeinsamkeiten verbunden: Beide Staaten sind enge Partner der USA, beide verfügen über sehr starke Streitkräfte, beide sind säkulare Demokratien nach westlichem Muster, und das in einer Weltgegend, in der dieses Modell nicht gerade weit verbreitet ist. Unter türkischer Vermittlung führte Israel sogar indirekte Friedensgespräche mit Syrien über die Zukunft der Golan-Höhen. Doch spätestens seit dem israelischen Angriff auf die Hilfsschiffe nach Gaza unter türkischer Federführung ist es vorbei mit diesen Gemeinsamkeiten.

Israel droht eine neue Intifada



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Dokument erstellt am 2010-05-31 18:40:16
Letzte Änderung am 2010-05-31 18:50:00

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