• vom 25.09.2012, 18:33 Uhr

Weltpolitik

Update: 26.09.2012, 07:59 Uhr

Jaramana

Der "letzte Christ" von Damaskus




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Von Thomas Seifert

  • Christliche Minderheit in Syrien fürchtet Fall von Präsident Assad
  • Lokalaugenschein im Jaramana, einem christlichen Vorort von Damaskus.

So entspannt wie hier in Jaramana sieht man syrische Soldaten selten. - © Thomas Seifert

So entspannt wie hier in Jaramana sieht man syrische Soldaten selten. © Thomas Seifert

Damaskus. Bis vor kurzem war Jaramana, ein Vorort im Osten von Damaskus, einer der sichersten Bezirke der Stadt. Die vorwiegend christliche und drusische Bevölkerung, die dort lebt, steht dem bewaffneten Aufstand skeptisch gegenüber, die seit 2003 hierher geflüchteten Irakis ebenso.


Doch in den vergangenen Wochen hat das Image des sicheren Hafens im Osten der Stadt gelitten. Ende August starben insgesamt 14 Menschen bei Autobombenanschlägen. Anfang September kamen fünf Menschen bei einem Bombenanschlag ums Leben, 30 wurden zum Teil schwer verletzt. Die staatliche syrische Nachrichtenagentur Sana machte "bewaffnete terroristische Kräfte" für die Anschläge verantwortlich, die syrische Opposition argwöhnte, dass das Regime die Bomben selbst gelegt haben könnte, um die Terrorakte den Rebellen in die Schuhe zu schieben.

Schmelztiegel Syriens
Die Bewohner des Bezirks schwärmen von ihrem Viertel: Die hier lebenden Drusen gelten als weltoffen und tolerant, das Zusammenleben mit den Christen (eine andere wichtige Minderheit in Syrien) gilt als friktionsfrei, ja geradezu herzlich. Vor zehn Jahren lebten rund 30.000 Menschen in dem kleinen Städtchen namens Jaramana, heute ist der Vorort auf die Größe einer kleinen Großstadt mit 120.000 bis 400.000 Bewohnern angeschwollen. Vor allem die Flüchtlingsströme aus dem Irak haben Jaramana seit 2003 aus allen Nähten platzen lassen.

Die Bombenanschläge der vergangenen Wochen haben die Menschen in Jaramana aber daran erinnert, dass der Bürgerkrieg längst in Damaskus, ihrer Stadt, angekommen ist und auch den weltoffenen, modernen Stadtteil nicht verschont. "Das war in Jaramana nicht zu erwarten", sagt der 23-jährige Obst- und Gemüsehändler Masser Mhanna, "Jaramana ist hundertprozentig gegen die Opposition, darum haben sie uns zur Zielscheibe gemacht." Seither kann man nicht mehr ohne Angst an der Straße stehen. "Jedes Auto, das hier steht, könnte Al-Potates (Kartoffeln) geladen haben." Al-Potates: Damit meint Mhanna nicht jene großgewachsenen hellbraunen Knollen, die er um rund 40 Cent das Kilo in seinem Laden verkauft, sondern "Kartoffel" ist die scherzhaft-verniedlichende Bezeichnung für Sprengsätze.

Der Konflikt hat die Lebensmittelpreise um rund 20 Prozent steigen lassen: Ein Kilo Äpfel kostet im Laden von Herrn Mhanna jetzt 60 syrische Pfund, also rund einen Euro. Ein Kilo Weintrauben: 45 syrische Pfund also etwas mehr als 50 Cent. Bei Importgütern sind die Preissteigerungen noch dramatischer, denn der seit März 2011 um 23 Prozent gegenüber dem Euro (30 Prozent gegenüber dem Dollar) gefallene Wechselkurs des syrischen Pfunds verteuert alle Waren, die mit ausländischer Währung bezahlt werden müssen: Für einen US-Dollar musste man nämlich 45 Pfund auf den Tisch der Wechselstube legen, heute muss man 70 Pfund hinblättern.

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Schlagwörter

Jaramana, Drusen, Christen, Damaskus, Syrien

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2012-09-25 18:38:07
Letzte Änderung am 2012-09-26 07:59:52


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