• vom 14.11.2014, 17:48 Uhr

Weltpolitik

Update: 14.11.2014, 19:19 Uhr

Kobane

"Eine Armee kannst du besiegen, ein Volk nicht"




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Von Markus Schauta und Christopher Glanzl (Fotos)

  • Seit drei Monaten verteidigen Kurden Kobanê gegen die Terrormiliz Islamischer Staat.

Trauerzug für einen Milizionär. Kurdische Frauen trauern um ihre Kinder, die im Kampf um Koban gefallen sind.

Trauerzug für einen Milizionär. Kurdische Frauen trauern um ihre Kinder, die im Kampf um Koban gefallen sind.

Suruç. Im Schritttempo rumpelt der Toyota über eine Landstraße an der Grenze zu Syrien. Als zwei Vermummte ins Licht der Scheinwerfer treten, stoppt das Auto. Der eine zieht seinen Schal vom Mund und beugt sich zum heruntergelassenen Fenster. Er spricht auf Kurdisch, Cesare, der Dolmetscher, antwortet. "Dorfwachen", sagt Cesare. "Sie wollen einen Blick in den Kofferraum werfen."

Dorfwachen wollen Nachschub für IS in Koban verhindern.

Dorfwachen wollen Nachschub für IS in Koban verhindern. Dorfwachen wollen Nachschub für IS in Koban verhindern.

Auf einer sandigen Ebene am Rande des kurdischen Dorfes Mahser brennen vier Feuer, um die sich schwarze Schatten drängen. In der kalten Novembernacht singen sie Lieder und starren in die Dunkelheit, wo einen Kilometer entfernt die Schlacht um Kobanê tobt. Über der Stadt kreisen Kampfjets des US-geführten Bündnisses gegen den IS. Manchmal werfen sie Bomben ab, dann bebt die Erde.


"Wir haben in jedem Grenzdorf Wachen aufgestellt", sagt Mehmet Akman. Der Kurde mit Militärjacke und Drei-Tages-Bart lebt seit über einem Monat im Dorf. "Wir schützen uns selbst, weil niemand anderer es tut." Der Kampf der Kurden gegen den IS wird nicht nur in Syrien, sondern auch in der Türkei geführt. "Wir bewachen etwa 30 Kilometer Grenze", sagt Akman. Dadurch soll verhindert werden, dass IS Nachschub nach Kobanê schafft, oder dass IS-Milizionäre über die Grenze in die Stadt gelangen können. Bewaffnet seien die Grenzwachen nicht, sagt er. "Die Waffen brauchen unsere Brüder in Kobanê."

Seit drei Monaten verteidigen Kurden Koban gegen IS.

Seit drei Monaten verteidigen Kurden Koban gegen IS. Seit drei Monaten verteidigen Kurden Koban gegen IS.

Akman kommt aus dem Südosten der Türkei, aus einem Dorf an der Grenze zum Irak. So wie er sind Kurden aus dem ganzen Land hierher gekommen. Aber auch europäische Freiwillige finden sich in ihren Reihen. Der Dolmetscher Cesare ist einer von ihnen. Der 24-Jährige ließ sich eine Woche von seinem Job in den Niederlanden beurlauben. Er bekam die Telefonnummer einer Kontaktperson, die ihm sagte, wo er sich melden solle. Da seine Muttersprache Kurdisch ist und er außerdem fließend Englisch spricht, begleitet er jetzt Journalisten, die über die kurdische Sache berichten wollen.

Wenn es dunkel wird, rollt der Nachschub für IS-Dschihadisten

Täglich werden Tote aus Kobanê am Friedhof von Suruç begraben.

Täglich werden Tote aus Kobanê am Friedhof von Suruç begraben.© Christopher Glanzl Täglich werden Tote aus Kobanê am Friedhof von Suruç begraben.© Christopher Glanzl

Ein anderer ist Fritz, der Deutsche. Der Mittfünziger lebt seit zwei Monaten im Dorf. Jede Nacht patrouilliert er entlang der Grenze. "Wir möchten die Kooperation der türkischen Regierung mit dem IS aufdecken", sagt Fritz. Daher sei das türkische Militär über die Grenzwachen auch alles andere als erfreut.

Dass die Türkei den IS unterstützt, davon sind hier alle überzeugt. An den Feuern hört man Geschichten über türkische Soldaten, die an der Grenze mit IS-Kämpfern plaudern. Über verwundete Islamisten, die in den Krankenhäusern von Suruç und Urfa zusammengeflickt werden, und verletzte kurdische YPG-Kämpfer, die an der Grenze verrecken, weil das Militär sie nicht passieren lässt. Und dass türkische Soldaten applaudierten, als eine Granate in einem grenznahen Flüchtlingslager explodierte.

Emine Yilmaz hat ihren Job gekündigt, um kurdischen Flüchtlingen beizustehen.

Emine Yilmaz hat ihren Job gekündigt, um kurdischen Flüchtlingen beizustehen. Emine Yilmaz hat ihren Job gekündigt, um kurdischen Flüchtlingen beizustehen.

Plötzlich ist es finster im Dorf, als hätte jemand den Lichtschalter umgelegt. "Immer wenn sie uns den Strom abdrehen, bringt der IS Nachschub über die Grenze", sagt Fritz - in dieser Nacht wird es lange dunkel bleiben.

Auf einem nahegelegenen Hügel hat man einen ausgezeichneten Blick auf Kobanê. Oben fünf schwarze Silhouetten auf einer improvisierten Sitzbank - mit Pappkarton als Unterlage und einem Haufen Steine als Rückenlehne beobachten sie das Kriegsleuchten über der dunklen Stadt; dumpfes Grollen der Peschmerga-
Artillerie, Hunde bellen, dann setzen Maschinengewehre ein. Stille. Zwischen dem Hügel und Kobanê irrlichtern die Scheinwerfer türkischer Patrouillenfahrzeuge.

"Hauptsache, ich kann eines Tages dorthin zurück"



Die Häuser sind von hier mit freiem Auge zu erkennen. "IS hat die Stromversorgung gekappt", sagt Mohammad, ein junger Kurde aus Kobanê. Das Krankenhaus der kurdisch-syrischen YPG-Miliz im Westen der Stadt habe zwar einen Stromgenerator. Da der Diesel knapp ist, werde er aber nur angeworfen, wenn es Verletzte gibt. "Meine beiden Brüder kämpfen dort", sagt er. Seit zwei Tagen haben sie sich nicht mehr gemeldet.

Eine Detonation lässt die Erde beben. Die graue Wolke aus Rauch und Staub im Zentrum von Kobanê hebt sich vom nachtschwarzen Hügel hinter der Stadt ab. "Es kümmert mich nicht, wenn sie Kobanê dem Erdboden gleichmachen", sagt Mohammad. "Hauptsache, ich kann eines Tages dorthin zurück."

Dann weht der Wind das Knattern eines Motors heran - im Krankenhaus von Kobanê haben sie den Generator angeworfen.

"Ich bleibe, bis
Kobanê befreit ist"

Am nächsten Morgen in Suruç, einer staubige Stadt, zehn Kilometer von der syrischen Grenze entfernt: Panzerfahrzeuge, Wasserwerfer, Soldaten in Kevlarwesten mit automatischen Waffen - der Ort gleicht einem Stützpunkt der türkischen Armee.

Im Rojava Camp am Rande der Stadt treffen wir Emine Yilmaz. Die kleine Frau mit müden Augen führt uns durch die Reihen weißer Zelte, vor denen Frauen Wäsche waschen und Kinder spielen.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2014-11-14 17:53:12
Letzte Änderung am 2014-11-14 19:19:07


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