• vom 06.04.2015, 19:15 Uhr

Weltpolitik

Update: 06.04.2015, 20:26 Uhr

Boris Nemzow

Geschändetes Andenken




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Von Boris Reitschuster

  • Eine improvisierte Gedenkstätte erinnert in Moskau an den ermordeten russischen Oppositionellen Boris Nemzow.

Vor den Toren des Kremls wurde Boris Nemzow ermordet. Am Tatort sollen Blumen an den Oppositionellen erinnern. - © apa/epa/Sergej Chirikov

Vor den Toren des Kremls wurde Boris Nemzow ermordet. Am Tatort sollen Blumen an den Oppositionellen erinnern. © apa/epa/Sergej Chirikov

Moskau. Mit einer ungewöhnlichen Aktion wollen die Anhänger des ermordeten russischen Oppositionsführers Boris Nemzow jetzt verhindern, dass sein Andenken weiter geschändet wird. Tag und Nacht, rund um die Uhr, bei Frost, Schneefall und Eiseskälte bewachen Freiwillige den Tatort, die Bolschoj-Moskworezkij-Brücke direkt gegenüber vom Kreml, wie seine Tochter Schanna Nemzowa berichtet. Am Wochenende griffen Kreml-Unterstützer die Bewacher an, es kam zu einem Handgemenge.

An der Stelle, wo Unbekannte in Moskau den früheren Vize-Premier in der Nacht auf den 28. Februar mit mehreren Schüssen töteten, haben seine Anhänger ein improvisiertes Denkmal aus einem Meer von Blumen, Kerzen und Fotos errichtet, das bereits zweimal geschändet wurde. Nemzows Vetter versorgt die freiwilligen Wachleute jetzt jede Nacht mit Lebensmitteln.


Die staatlich geförderten Anfeindungen gegen den Putin-Kritiker gehen auch nach seinem Tod weiter. Zunächst hatte die Duma, das russische Unterhaus, am 17. März eine Schweigeminute für Nemzow abgelehnt; nur zwei Abgeordnete erhoben sich zu seinen Ehren. Jetzt konnten die Angehörigen und Mitstreiter laut Schanna Nemzowa in ganz Moskau keinen einzigen passenden Ort für ein geplantes Gedenkkonzert am 7. April finden, dem 40. Tag nach dem Tod: nach orthodoxer Tradition ein sehr wichtiger Termin für das Andenken. Ganz offensichtlich wurde potenziellen Saal-Vermietern von den Behörden klargemacht, dass eine Trauerveranstaltung unerwünscht sei und für sie gefährlich werden könnte.

Rechtsradikale haben keine Probleme, sich zu treffen
Oppositionelle haben in Russland fast immer Probleme, Veranstaltungsorte anzumieten, während etwa ein von einer kremlnahen Partei organisiertes Treffen von Rechtsradikalen aus ganz Europa, darunter auch Ex-NPD-Chef Udo Voigt, im März in Sankt Petersburg problemlos stattfinden konnte. Jetzt will der kritische, aber in Russland weitgehend nur per Internet empfangbare Nischensender "Doschd" am 7. April ein Gedenkkonzert für Nemzow ausstrahlen.

Teile des improvisierten Denkmals für Nemzow am Tatort hatten am 24. März der kaum bekannte Schauspieler Igor Beketow und seine Freunde verwüstet und geschändet. Sie nennen sich "Russische Befreiungsbewegung Serb". Im sozialen Netzwerk "Vkontakte" brüsteten sie sich mit der Tat. Ebenso mit dem Angriff auf die Bewacher des Denkmals an diesem Wochenende. Die Polizei zog es trotzdem vor, nichts zu bemerken. "Störungen der öffentlichen Ordnung konnten nicht festgestellt werden" - so die Reaktion der Beamten auf eine Anzeige. Plakate mit Solidaritätskundgebungen für Nemzow dagegen wurden schnellstens entfernt. Wenige Tage nach dem ersten Übergriff, genau einen Monat nach der Tat, erschienen dann wie auf Befehl Unbekannte in schwarzer Kleidung um zwei Uhr nachts an dem improvisierten Denkmal. Hastig und gut koordiniert sammelten sie alle Blumen, Kerzen und Erinnerungsstücke in schwarze Plastikmüllsäcke ein und trugen sie weg. Die Opposition reagierte entrüstet auf die Säuberung.

Der Tatverdächtige
berichtet von Folter

"Der Mord 100 Meter vom Kreml entfernt und die Straflosigkeit der Auftraggeber lösen keine Empörung aus. Aber die Blumen", kritisierte Nemzows Mitstreiter Ilja Jaschin. Anhänger des Ermordeten brachten wieder Blumen, Kerzen und Fotos an den Tatort.

Die Ermittlungsbehörden haben zwischenzeitlich die vier Kinder Nemzows offiziell als "Geschädigte" anerkannt; mit diesem Status haben sie bestimmte Rechte in dem Strafverfahren und können unter anderem die Akten einsehen. Im Gegenzug müssen sie aber eine Schweigeverpflichtung unterzeichnen. Sie könne deshalb keine Details mitteilen, berichtet Nemzowa.

Schon kurz nach der Ermordung des Politikers haben die russischen Behörden fünf Tatverdächtige festgenommen. Einer der Verhafteten habe ein Geständnis abgelegt, hieß es damals. Dieses sei durch Folter erzwungen, berichtete der angeblich geständige Tatverdächtige später im Gefängnis dann aber Menschenrechtlern.

Nemzows 31-jährige Tochter Schanna Nemzowa glaubt an ein politisches Motiv für den Mord. Der charismatische Oppositionspolitiker galt als der bissigste und tabuloseste unter den Kritikern Putins. Er kannte den Kremlchef aus früheren Jahren auch persönlich, so waren die beiden einst gemeinsam Skilaufen, bevor sie sich überwarfen.




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Dokument erstellt am 2015-04-06 16:20:07
Letzte Änderung am 2015-04-06 20:26:51


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