• vom 16.04.2015, 18:05 Uhr

Weltpolitik

Update: 23.04.2015, 16:11 Uhr

Armenier

Trauma und Paranoia




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Auch die heute noch in der Türkei lebenden Armenier, mit rund 60.000 Menschen zugleich die größte christliche Gemeinde der muslimischen Türkei, leben unter dem dunklen Schatten der Geschichte. Sie sind eine eingeschüchterte und zurückgezogene Minderheit. Wer sich zu weit vor wagt, wird schnell zum Opfer, wie 2007 die Ermordung des armenischen Bürgerrechtlers Hrant Dink durch einen türkischen Nationalisten zeigte. Auch als Türke muss man vorsichtig sein. Der Literatur-Nobelpreisträger Orhan Pamuk hatte 2005 in einem Interview mit dem Zürcher "Tages-Anzeiger" davon gesprochen, die Türkei habe "30.000 Kurden und eine Million Armenier getötet, aber fast niemand außer mir wagt, das auszusprechen". Pamuk wurde daraufhin wegen "Verunglimpfung des Türkentums" angeklagt und zu einer Geldstrafe von 6000 Lira verurteilt.


Fixierung auf Völkermord führt in die Sackgasse
Die Frage, ob die Armenierverfolgungen als Völkermord gelten können oder müssen, ist nicht erst seit der Papst-Äußerung Gegenstand erbitterter Historikerkontroversen und heftiger diplomatischer Verwicklungen. Gebannt blicken türkische Diplomaten jedes Jahr im April nach Washington, ob der jeweilige US-Präsident das Wort "Völkermord" in den Mund nimmt - bisher tat er es nicht. Schon 1987 bezeichnete allerdings das Europaparlament die Tragödie als Genozid. 2011 kam es zu heftigen türkisch-französischen Turbulenzen, als die Nationalversammlung in Paris ein Gesetz billigte, das die Leugnung des Völkermordes an den Armeniern unter Strafe stellte. Der türkische Botschafter wurde aus Frankreich zurückgerufen, Ankara kündigte Wirtschaftssanktionen gegen Frankreich an, und der damalige Premier Erdogan empfahl den Franzosen, sich erst einmal "mit ihrer eigenen, dreckigen und blutigen Geschichte auseinanderzusetzen" - eine Anspielung auf den Algerienkrieg.

Die Fixierung auf die Frage, ob die Armenierverfolgungen den Tatbestand des Völkermords erfüllen, führt allerdings immer tiefer in eine Sackgasse. Genauso kontraproduktiv sind die immer wieder angestellten Berechnungen zu möglichen Reparationsansprüchen der Armenier gegenüber der heutigen Türkei. Auch viele Armenier finden diese Diskussion wenig hilfreich, weil sie einer Annäherung zwischen beiden Völkern im Wege steht. Dabei gibt es auch auf türkischer Seite in den vergangenen Jahren durchaus Bewegung.

Das Armenier-Thema ist, anders als noch vor zehn Jahren, kein Tabu mehr, zumindest nicht in Teilen der türkischen Zivilgesellschaft. Angestoßen auch durch den Mord an Hrant Dink und die kurzlebige Friedensoffensive des früheren Präsidenten Abdullah Gül gibt es Debatten, die zum Beispiel auf die Einsetzung einer gemeinsamen Historikerkommission zielen. Das wäre ein erster Schritt für die Türkei, sich mit dieser schwierigen Ära ihrer Geschichte selbstkritisch auseinanderzusetzen.

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Dokument erstellt am 2015-04-16 18:08:08
Letzte Änderung am 2015-04-23 16:11:09


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