• vom 06.05.2016, 18:38 Uhr

Weltpolitik

Update: 06.05.2016, 18:50 Uhr

Syrien

Die Stadt an der Grenze




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Von Michael Biach

  • Im türkischen Reyhanli werden schwerverletzte Flüchtlinge in improvisierten Spitälern versorgt.

Eine Plane für alle: In den provisorischen Zelten leben oft mehrere Familien auf engstem Raum zusammen.

Eine Plane für alle: In den provisorischen Zelten leben oft mehrere Familien auf engstem Raum zusammen.© Biach Eine Plane für alle: In den provisorischen Zelten leben oft mehrere Familien auf engstem Raum zusammen.© Biach

Reyhanli. Bereits in den frühen Morgenstunden ist der Menschenandrang vor dem Eingang des Emel-Hospitals außerhalb der türkischen Stadt Reyhanli enorm. Die in mehreren weißen Baucontainern eingerichtete Klinik liegt keine 50 Meter von der Grenze entfernt. Seit dem Ausbruch der Kampfhandlungen im benachbarten Syrien vor mehr als fünf Jahren behandeln syrische Ärzte hier Kriegsflüchtlinge, denen die Flucht über die türkische Grenze gelungen ist. Wer ins Emel-Krankenhaus kommt, wurde unmittelbar Opfer des Bürgerkriegs und so sind die Mediziner vor allem mit schwersten Brandverletzungen oder dem Verlust von Gliedmaßen durch Granatenexplosionen konfrontiert. "Wir sind durchaus gut ausgerüstet, aber es mangelt vor allem an Spezialisten, um die täglich größer werdende Schar an Opfern auch ausreichend gut behandeln zu können", erzählt einer der Ärzte vor Ort.

Hoffnung für Zijad
Immer öfter gleichen sich die individuellen Tragödien: Im Hof des Krankenhauses reihen sich junge Männer, denen das rechte oder linke Bein fehlt, manchmal fehlen auch mehrere Gliedmaßen. Kinder und Frauen sind mit Brandwunden übersät, andere haben ihr Augenlicht verloren. In einem kleinen Ordinationsraum wartet der 8-jährige Zijad, der erst vor kurzem mit seiner Familie aus der lediglich 50 Kilometer entfernten und heftig umkämpften Region Idlib in die Türkei geflohen ist. "Mein Sohn ging aus dem Haus, als plötzlich eine Bombe einschlug und ihn schwer verletzt hat", berichtet sein Vater mit knappen Worten die schreckliche Tragödie, die im syrischen Bürgerkrieg längst schon zur täglichen Routine geworden ist.


Zijads Hände, sein Oberkörper und das Gesicht des Buben sind seitdem mit Brandwunden überdeckt. Zwar konnte der Bub bereits in Syrien in einem der noch nicht zerstörten Krankenhäuser versorgt werden, eine weitere Behandlung des nicht komplett verheilten und mittlerweile infizierten Narbengewebes muss jedoch von Spezialisten übernommen werden.

Maria Deutinger ist Fachärztin für plastische Chirurgie in Wien und reist bereits zum zweiten Mal in die Grenzstadt Reyhanli, um im Emel-Hospital mehrere Tage lang Operationen für betroffene Kriegsflüchtlinge durchzuführen. "Den meisten Menschen kann mit einer ein- oder zweistündigen Operation bereits sehr geholfen werden, ihr Leiden zu mindern", sagt Deutinger. Geduldig nimmt sie sich für jeden Patienten Zeit, hört sich die persönliche Leidensgeschichte an und entscheidet, wie sie medizinisch am besten helfen kann. Nur wenige Minuten muss die Medizinerin den kleinen Zijad untersuchen, dann kann sie ihm und seinem Vater bereits eine positive Nachricht geben: Das infizierte Narbengewebe kann behandelt werden, dazu wird auch etwas Haut transplantiert werden müssen.

Weil viele Lager in der Türkei längst überfüllt sind, lassen sich die neu ankommenden Flüchtlinge mittlerweile neben Feldern nieder.

Weil viele Lager in der Türkei längst überfüllt sind, lassen sich die neu ankommenden Flüchtlinge mittlerweile neben Feldern nieder. Weil viele Lager in der Türkei längst überfüllt sind, lassen sich die neu ankommenden Flüchtlinge mittlerweile neben Feldern nieder.

Im Laufe des Tages kommt ein knappes Dutzend weiterer Personen zur Voruntersuchung, die meisten von ihnen wird die Ärztin in den kommenden Tagen erfolgreich behandeln können. Deutinger ist Teil des privaten Hilfsprojekts "Balsam", welches von der gebürtigen Syrerin Marie Therese Kiriaky in Wien ins Leben gerufen wurde, um syrischen Menschen nahe der Grenze helfen zu können. Kurz nach Ausbruch des Krieges hatte sich Kiriaky ins Flugzeug gesetzt, um sich selbst ein Bild der Lage in Reyhanli zu machen und für die Flüchtlinge Hilfe zu organisieren. "Seitdem komme ich dreimal im Jahr in die Region", erzählt sie. Begleitet wird Kiriaky dabei jedes Mal von freiwilligen Helfern, Kinderpsychologen oder Fachärzten. "Es gibt viele Wege, das Leid der Menschen zu mindern", ist Kiriaky überzeugt. Im nahen Antakya kauft das "Balsam"-Team mithilfe von privaten Spenden Medikamente, Lebensmittel und Kleidung, um sie an einige der notleidenden Menschen zu verteilen. "Es ist ganz selbstverständlich, dass ich den Menschen aus meinem Geburtsland helfe. Nicht alle haben das Glück, zwei Heimatländer zu haben", erzählt die in Damaskus geborene Österreicherin.

Nach wie vor heftige Kämpfe
Auch die Bewohner von Reyhanli sind unweigerlich vom nahen Kriegsgeschehen betroffen: Am 11. Mai 2013 verübten Terroristen im Stadtzentrum einen Anschlag mit zwei Autobomben. Mehr als 50 Menschen starben, hunderte wurden schwer verletzt. Die türkische Regierung machte damals den syrischen Geheimdienst verantwortlich. Am wahrscheinlichsten ist jedoch, dass der Anschlag auf das Konto der im Grenzgebiet aktiven radikal-islamischen Al-Nusra Front geht.

Der Kampf gegen die Al-Kaida-nahe Terrororganisation ist auch von der offiziellen Waffenruhe ausgenommen und so gehen die Kampfhandlungen unvermindert fort. Erst am Freitag kamen bei erbitterten Kämpfen um ein strategisch wichtiges Dorf unweit von Aleppo laut Oppositionsangaben 73 Menschen ums Leben. Am Donnerstag soll es bei einem Angriff auf ein Flüchtlingslager unweit von Reyhanli mehr als 30 Tote gegeben haben, islamistische Rebellen und das Regime machen sich gegenseitig für das Massaker verantwortlich.

Immer mehr Menschen fliehen in die benachbarte türkische Hatay-Provinz, die bis 1939 selbst Teil des unter französischem Mandat verwalteten Syriens war. Die Akzeptanz für Flüchtlinge ist hier höher als in anderen Teilen der Türkei, dennoch stößt die Provinz an ihre Grenzen.

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Dokument erstellt am 2016-05-06 18:41:10
Letzte Änderung am 2016-05-06 18:50:32


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