• vom 26.05.2016, 18:16 Uhr

Weltpolitik

Update: 26.05.2016, 18:57 Uhr

Irak

Von Erdhügeln und Panzerbüchsen




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Von WZ-Korrespondent Markus Schauta

  • Ein Besuch im Trainingscamp bei Erbil und an der Front beim Mossul-Staudamm.



Der Ausbilder verdeutlicht die Formationen mit roten Steinchen, der Dolmetscher (im weißen Hemd) übersetzt.

Der Ausbilder verdeutlicht die Formationen mit roten Steinchen, der Dolmetscher (im weißen Hemd) übersetzt.© Schauta Der Ausbilder verdeutlicht die Formationen mit roten Steinchen, der Dolmetscher (im weißen Hemd) übersetzt.© Schauta

Erbil. "Sie haben Kampferfahrung, sind aber noch keine Soldaten." Der deutsche Presseoffizier Hagen Messer beobachtet von einem Erdhügel aus die Truppenübungen auf der grasbewachsene Ebene. Ein Schützengraben zieht sich wie eine Narbe durch das Grün. Drinnen Soldaten in sandfarbenen Tarnflecken, die Gewehre angelegt, die metallenen Zielscheiben in gut hundert Metern Entfernung im Visier. Klack. Klack. Bei jedem Treffer jubeln die Peschmerga.

Das Ausbildungszentrum bei Bnaslawa ist etwa 30 Autominuten von Erbil entfernt. Sieben Nationen beteiligen sich an der Ausbildungsmission, die im Februar 2015 begann: Deutschland, Finnland, Großbritannien, Italien, die Niederlande, Norwegen und Ungarn. Rund 7500 Peschmerga durchliefen bisher das Training. "Die kurdischen Soldaten erhalten hier eine infanteristische Ausbildung", sagt Offizier Messer, "vergleichbar mit dem Niveau der Grundausbildung im österreichischen Bundesheer."


Dazu zählen neben der Handhabe der Waffe und Bewegen in Formation auch der Häuserkampf und das korrekte Anlegen von Schützengräben. Denn der Stellungsbau der Peschmerga sei nicht gerade auf dem neuesten Stand. "Oft gibt es nur Löcher und einfache Gräben, oder oben abgeflachte und mit Sandsäcken befestigte Erdhügel, wie den, auf dem wir stehen." An manchen Frontabschnitten sehe es aus wie in den Stellungskriegen des Ersten Weltkriegs.

In Deutschland Elektriker,
im Irak Peschmerga

Domino in der Pause.

Domino in der Pause.© Schauta Domino in der Pause.© Schauta

Ein Dutzend Soldaten klettert aus dem Graben. Ein Teil der Gruppe deckt, der andere läuft auf einen imaginären Feind zu. Ein Ausbilder mit schwarzer Sonnenbrille bellt seine Befehle auf Italienisch, gefolgt vom Dolmetscher, der auf Kurdisch übersetzt. "Man sieht sofort, dass das ihr erster Ausbildungstag ist", meint Messer. Die Soldaten, die durchs Gras hetzen, haben die Läufe der M16 gesenkt, anstatt sie schussbereit in Richtung Feind zu halten. Aber der Offizier ist zuversichtlich: "In vier Tagen können sie das."

Ein vom IS gepanzerter Pick-up in Bnaslawa. 

Ein vom IS gepanzerter Pick-up in Bnaslawa. © Schauta Ein vom IS gepanzerter Pick-up in Bnaslawa. © Schauta

Auf dem Kasernengelände üben Peschmerga, mit einem Abbindeband Blutungen zu stoppen. Zu viele seien gestorben, weil es keine Sofortmaßnahmen im Gefecht gab, erläutert der Ausbilder. "Wenn jemand einen Oberschenkelschuss hatte, schaffte man ihn auf einen Lkw und ab zum Arzt. Bis sie dort ankamen, war der Verwundete oft verblutet."

Nach drei Stunden Training gibt es um zehn Uhr die erste Pause. Wir treffen Shorsh vor dem Eingang zur Baracke. Der 32-jährige Deutsch-Kurde will seine Kameraden überzeugen, ihre Stiefel vor dem Betreten des Schlaf- und Aufenthaltsraumes auszuziehen. "Wegen dem Gestank", sagt er. Damit es bei den vielen Stiefeln später keine Verwechslungen gibt, hat Shorsh seine bereits beschriftet: "1" und "2".

Als der Islamische Staat 2014 Teile Kurdistans eroberte, verließ der Deutsch-Kurde Würzburg und flog nach Erbil. Shorsh ist an der Kirkuk-Front im Einsatz. Wie viele andere seiner Kollegen ist er Teilzeit-Peschmerga, im zivilen Beruf arbeitet er als Elektriker am Bau. "Wenn ich gebraucht werde, bekomme ich einen Anruf", sagt er. "Dann fahre ich raus an die Front und kämpfe. Wenn der Angriff abgewehrt ist, fahre ich zurück nach Kirkuk." Das klappe eigentlich ganz gut, doch die leeren Staatskassen machen sich an allen Ecken und Enden Irakisch-Kurdistans bemerkbar. Seit zwei Monaten schon habe er die rund 350 Euro Sold nicht mehr erhalten, erzählt Shorsh. Zahlreiche Kameraden haben daher gekündigt. Durch die internationale Hilfe gebe es jetzt bessere Waffen, aber die Verteilung klappe nicht sehr gut. "Viele, die in Kirkuk die guten deutschen Waffen haben, kämpfen nicht selbst an der Front. Andere, die kämpfen, haben veraltete Waffen." Er fände es besser, wenn das Koordinationszentrum der internationalen Ausbildungsmission die Verteilung der Waffen übernähme. "Es ist gefährlich, wenn du schlecht ausgestattet kämpfen musst." 1600 Peschmerga sind bisher bei Kämpfen ums Leben gekommen, 5000 bis 6000 wurden verletzt.

"Nachts müssen wir bereit sein, dann kommt Daesh näher"
Das Strohdach wirft seinen Schatten auf die Terrasse, hinter den Lücken im Dach strahlt ein wolkenloses Blau. Vögel zwitschern. Entspanntes Geplauder bei Tee und Zigaretten. Würden nicht die Sandsäcke vor dem Haus und der Pick-up mit der Doshka auf dem Parkplatz daran erinnern, man könnte fast vergessen, dass hier die Front verläuft, das Grenzgebiet zwischen der Autonomen Region Kurdistan und dem selbst ernannten "Islamischen Staat" (IS/Daesh).

Colonel Mohamad Ahmad Khfor ist Kommandant dieses Postens südlich des Mossul-Staudammes. Der 46-Jährige mit schwarzem Schnauzbart und Pistole im Halfter ist seit 30 Jahren Peschmerga. Auch er hat die Ausbildung bei der deutschen Bundeswehr in Bnaslawa absolviert. "Gutes Training, sehr hilfreich an der Front", sagt er. Die Deutschen hätten ja viel Erfahrung aus dem Zweiten Weltkrieg.

Tabak und Zigarettenpapier machen die Runde. Am gefährlichsten sei Daesh, wie der IS auf Arabisch genannt wird, während des Ramadan, sagt Khfor. "Sie glauben, wer im Ramadan stirbt, kommt direkt in den Himmel, ohne Checkpoint." Gelächter. Von den acht Peschmerga, die hier im Schatten sitzen - der Jüngste Mitte 20, der Älteste bald 60 - trägt keiner eine schusssichere Weste. Dazu fehle es dem Peschmerga-Ministerium an Geld.

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Schlagwörter

Irak, Peschmerga, Erbil

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Dokument erstellt am 2016-05-26 18:20:11
Letzte Änderung am 2016-05-26 18:57:45


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