• vom 18.09.2016, 08:00 Uhr

Weltpolitik

Update: 18.09.2016, 12:19 Uhr

Flüchtllinge

Die neue Route Richtung Europa




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Schlepper Naggy brachte es zu beachtlichem Wohlstand.

Schlepper Naggy brachte es zu beachtlichem Wohlstand. Schlepper Naggy brachte es zu beachtlichem Wohlstand.





Der Crystal Club in Rashid liegt direkt am Nil und zeugt von einer glorreichen Vergangenheit des historischen Rosetta, wie die Stadt einst hieß. 870 gegründet, war Rosetta im Mittelalter eine bedeutende Hafenstadt. Doch vom Flair der einstigen Handelsmetropole sind nur noch wenige gut renovierte Häuser und eine Moschee übrig geblieben. Ansonsten ist die Stadt wie der Crystal Club: marode. Dass sich gerade hier der Sitz des Schmugglerrings für die Flüchtlinge übers Mittelmeer befindet, wundert indes nicht. "Früher haben wir von Rashid aus Zigaretten und Drogen rübergeschmuggelt", sagt einer der drei sogenannten Vermittler, die im Clubhaus Platz genommen haben. "Heute sind es Menschen." Nur einer ist bereit, seinen Spitznamen zu veröffentlichen. Die anderen haben Angst vor der Staatsmacht, denn illegale Migration ist in Ägypten per Gesetz verboten.

Es seien nur etwa zehn Männer, die das Flüchtlingsgeschäft in ihren Händen hielten, erzählt Naggy, einer der Broker, die Ausreisewillige zu den Schleppern bringen. "Die Bosse sind alle Ägypter mit guten Kontakten nach Italien." Naggy ist erst 32 Jahre alt, hat es aber bereits zu beachtlichem Wohlstand gebracht, den er vorzeigt: schicke spitze Schuhe, weißes Seidenhemd, paillettenbesetzt, Brillis als Manschettenknöpfe, schwarze elegante Hose, Rolex-Uhr am Handgelenk.

Ein Vermittler müsse den Transport von Land auf die großen Fischkutter organisieren, sagt er. Dafür werden kleine Fischerboote oder auch Schlauchboote benutzt. Manchmal würden die Flüchtlinge in Privatquartieren untergebracht, bis es losgeht. Von Kafr el Sheikh, Rashid oder anderen Orten ginge es den Nilarm entlang aufs offene Meer. Dort werden die Menschen dann "umgeladen" und nach Italien verschifft. Der Broker kassiert eine Provision. Wenn sich die Schiffe der italienischen Küste näherten, würde die Küstenwache verständigt, die die Flüchtlinge dann abholt.

Ägypter machten mittlerweile fast die Hälfte der Flüchtlinge aus, Syrer werden weniger. Allerdings bekämen diese ohne Probleme Zugang zur EU. In Alexandria gäbe es deshalb Kurse unter dem Motto "Wie werde ich Syrer", in denen Ägypter den syrischen Dialekt lernen und sich eine syrische Identität aneignen.

Sorge bereitet Naggy, dass immer mehr Minderjährige die Flucht übers Mittelmeer antreten. Neulich habe er von einer ägyptischen Familie nahe der libyschen Grenze erfahren, die bereits zwei ihrer minderjährigen Kinder auf die Reise nach Europa geschickt hatten. Nachdem beide ertranken, habe die Familie nun ein drittes Kind zu ihnen nach Rashid geschickt, weil "wir hier besser auf die Leute aufpassen".

Tatsächlich ist die Migration Minderjähriger ein Riesenproblem für Ägypten. Seit April sei die Zahl unbegleiteter Kinder unter den Flüchtlingen dramatisch angestiegen, im Vergleich zum Vorjahr auf das 37-Fache, informiert die Internationale Organisation für Migration (IOM). Während die Ägypter im Gesamtkontext noch nicht die Mehrheit der Migranten ausmachten, lägen sie bei den Minderjährigen mit Abstand (66 Prozent) vorne.

Die Flucht Minderjähriger aus Ägypten hat derartige Dimensionen angenommen, dass selbst die Regierung in Kairo das Phänomen inzwischen nicht mehr leugnen kann. So berichtete die hauptamtliche Tageszeitung "Al Ahram" vor kurzem über ein Symposium zu diesem Thema. Ein Komitee zur Vermeidung illegaler Migration will Perspektiven für Jugendliche schaffen, damit sie im Land bleiben. Nasser Musallam, Vorsitzender des Komitees, spricht von 15.000 illegalen Migranten aus Ägypten nach Europa im Jahr 2009. Sechs Jahre später sind es bereit 90.000, davon die meisten zwischen sechs und 15 Jahren.

Musallam macht die italienische Gesetzgebung dafür verantwortlich, die besagt, dass Kinder unter 18 Jahren nicht in ihre Herkunftsländer zurückgeschickt werden können. Eine Medienkampagne unter dem Motto "Ägypten, deine Zukunft" soll die Jugendlichen nun davon überzeugen, ihre Zukunft nicht im Ausland zu suchen.

"Schauen Sie doch,
wir sterben hier"

"Ich mag die Leute in Europa", begründet Naggy sein Engagement für die Flüchtlinge. "Sie respektieren sogar Tiere." Hier in Ägypten gäbe es keinen Respekt, für niemanden. Deshalb fände er nichts Schlimmes dabei, die Menschen nach Europa zu bringen. Sie hätten dort ein besseres Leben. "Schauen Sie doch, wir sterben hier", sagt der Flüchtlingsvermittler und zeigt auf die herumlungernden Jugendlichen, die keinen Job und keine Perspektiven finden, die Müllberge und den Dreck, die den Nilarm in Rashid säumen. "Jederzeit würde auch ich nach Europa gehen - aber nicht im Boot."

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2016-09-16 17:26:17
Letzte Änderung am 2016-09-18 12:19:35


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