• vom 26.04.2017, 19:02 Uhr

Weltpolitik

Update: 27.04.2017, 00:26 Uhr

Südkorea

Lügenpresse auf Koreanisch




  • Artikel
  • Lesenswert (5)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von WZ-Korrespondent Fabian Kretschmer

  • Fake News stellen ein massives Problem im südkoreanischen Wahlkampf dar.

Nicht nur Onlineplattformen , auch die traditionellen Medien sind in Südkorea wegen unseriöser Berichterstattung in Verruf.

Nicht nur Onlineplattformen , auch die traditionellen Medien sind in Südkorea wegen unseriöser Berichterstattung in Verruf.© afp/Jung Nicht nur Onlineplattformen , auch die traditionellen Medien sind in Südkorea wegen unseriöser Berichterstattung in Verruf.© afp/Jung

Seoul. Als der Kommunikationswissenschafter Hahn Kyu Sup damit begann, systematisch alle Umfragen für die südkoreanische Präsidentschaftswahl zu sammeln und auf seiner Homepage zu einem großen Ganzen zusammenzufügen, gewöhnte er sich schon bald an die nervösen Regierungsbeamten, die nun täglich in seinem Büro anrufen sollten. Bis ins kleinste Details fragten sie den Professor der renommierten Seouler Nationaluniversität nach Auskunft: Woher er überhaupt seine Information beziehe? Welche Methodologie seinen Statistiken zugrunde liege? Ob man den Quellentext auch einmal einsehen könne?

"Natürlich verstehe ich, dass die Regierung alles Mögliche versucht, um eine Beeinflussung der Wahlen zu verhindern", sagt Hahn Kyu Sup, ein schmächtiger Mann mit strengem Seitenscheitel, dunkler Hornbrille und spitzen Lippen: "Aber bei diesem Wahlkampf gehen sie für meinen Geschmack eindeutig zu weit."


Eine geradezu paranoide Angst über digitale Falschmeldungen bestimmt den politischen Diskurs über die vorgezogenen Neuwahlen am 9. Mai. Bereits im Februar schrieb die linksgerichtete Tageszeitung "Hankyeoreh" in einem aufgeheizten Leitartikel: "Das Erstellen und Verbreiten von Fake News unterscheidet sich nicht wesentlich von der Propaganda der Nazis, die Lügen benutzt haben, um die deutsche Öffentlichkeit in die Schrecken des Krieges zu stürzen. (...) Eine Demokratie kann nicht aufrechterhalten werden, wenn der Staat es zulässt, dass sich Goebbels-mäßige Lügen frei verbreiten können."

Manipuliertes Schnaps-Video über Ban Ki-moon
Das Blatt nahm dabei auch Bezug auf ein 13-sekündiges Online-Video, dass bereits Monate vor der Wahl den weiteren Verlauf entschieden geändert hat: Auf den wackeligen Bewegtbildern ist Ban Ki-moon beim Grabbesuch seiner Familienahnen in der Provinz Nord-Chungcheong zu sehen. Im konfuzianischen Korea ist dies eine wichtige symbolische Geste - zumal der scheidende UN-Generalsekretär noch im Januar als einziger Hoffnungsträger des konservativen Lagers galt. Die meisten Umfragen führte Ban zu jenem Zeitpunkt mit weitem Abstand an.

Dann jedoch beging er in besagtem Video einen gravierenden Tabubruch: Während des Grabrituals trank er ein Glas Reisschnaps, das eigentlich als Opfergabe für die Verstorbenen angedacht war. Die Internetgemeinde empörte sich zu Zehntausenden. Der Grundkonsens des Aufschreis: Der Karrierediplomat aus New York hätte längst den Draht zu seinem Heimatland verloren - und sei als Politiker nicht tragbar. Der 72-Jährige wurde über Nacht vom Messias zum ausgestoßenen Sohn. Was die meisten Online-Nutzer jedoch nicht wussten: Das Video wurde in einer Falschmontage bewusst manipuliert.

Nur wenige Tage nach dem Shitstorm kündigte Ban Ki-moon an, nicht für das südkoreanische Präsidentenamt kandidieren zu wollen. "Mein purer Patriotismus wurde durch Verleumdungen und Fake News demontiert", erklärte der 72-Jährige in einer Pressekonferenz.

Fake News ist ein relativ junger Begriff, der dennoch auf weiten Teilen des Globus für Furore gesorgt hat. Im Grunde ist es wenig überraschend, dass das Hightech-Land Südkorea besonders unter dem Phänomen leidet: Kaum eine Nation der Welt ist stärker vernetzt, hat schnelleres Internet und eine höhere Smartphone-Penetration.

"Weit über 70 Prozent aller Koreaner beziehen ihre Nachrichten mittlerweile über Internetportale und gehen nicht mehr direkt auf die Seiten der Verlagshäuser", sagt Professor Hahn. Besonders jüngere Leute würden kaum mehr zwischen klassischen Medien und Ein-Mann-Websiten unterscheiden. Auf diesem Nährboden können Falschmeldungen perfekt gedeihen.

Dabei ist das Problem der Fake News vor allem in ein Vakuum getreten, das die herkömmlichen Medienhäuser hinterlassen haben. Laut einer aktuellen Umfrage des US-Marktforschungsinstituts "Edelman" trauen nur mehr 42 Prozent aller koreanischen Internetnutzer den traditionellen Medien wie Zeitung, Radio und TV. Vor fünf Jahren waren es immerhin noch 58 Prozent. "Es ist erstaunlich, wenn man darüber nachdenkt, dass die Kredibilität der Journalisten während der 1970er und 80er am vermutlich am höchsten war", sagt Hahn. Damals wurde Südkorea von Militärdiktatoren regiert, die die Medien an der kurzen Leine hielten.

Seit einigen Jahren jedoch werden viele Journalisten als "Giraegi" verbrämt - dem koreanischen Äquivalent zum "Lügenpresse"-Vorwurf. Das Schimpfwort ist ein Hybrid aus den Begriffen Gija (Journalist) und Seraegi (Abfall).

"Giraegi"-Rufe waren omnipräsent bei den Kerzenscheindemonstrationen im vergangenen Winter, als jeden Samstag bis zu zwei Millionen auf den Seouler Gwanghwamun-Platz den Rücktritt ihrer Präsidentin Park Geun-hye forderten. Auch unter den Loyalisten der mittlerweile geschassten Präsidentin, die bis heute vorm Rathausplatz auf einem Zeltlager kampieren, hörte man denselben Vorwurf. Unter beiden Lagern mündeten die verbalen Angriffe in mehreren Fällen in physische Übergriffe gegenüber Journalisten, die deren Meinung nach die Realität bewusst falsch wiedergeben würden.

weiterlesen auf Seite 2 von 2




Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)


Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2017-04-26 17:03:05
Letzte Änderung am 2017-04-27 00:26:38


Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. Trump stimmt Auslieferung Gülens zu
  2. Mehr als 20 Tote bei ethnischen Zusammenstößen
  3. Was genau im Klimaabkommen steht
  4. Der Westen verliert an Einfluss in Afrika - das freut China und Russland
  5. USA melden dutzende getötete Islamisten nach Luftschlägen
  6. Philippinerin ist neue "Miss Universe"
  7. Russland verlegt Kampfjets auf die Krim

Werbung




Werbung