• vom 18.08.2017, 19:14 Uhr

Weltpolitik

Update: 21.08.2017, 14:41 Uhr

Religion

Welche Islam-Interpretation?




  • Artikel
  • Lesenswert (2)
  • Drucken
  • Leserbrief





  • Der Anschlag von Barcelona war bereits der neunte islamistische Angriff in Europa in diesem Jahr. Warum werden so viele Attentate im Namen Allahs ausgeführt? Eine Spurensuche.



Wien. (maz/leg/schmoe/da) Der erste Tag 2017 begann schrecklich. In einem Nachtklub in Istanbul erschossen in der Silvesternacht Terroristen im Namen des "Islamischen Staates" (IS) 39 Personen. Das Lokal wurde bewusst gewählt, galt es doch als Symbol für ausgelassene Parties - also westlich-dekadenten Lebensstil in den Augen der Extremisten. Es folgten in Europa Anschläge in Paris, London, St. Petersburg, Stockholm, abermals Paris, Manchester und wieder London, bis die Islamisten in Barcelona - und womöglich auch am Freitag in Helsinki - zuschlugen.

"Mittlerweile wache ich jeden Morgen auf, höre die Nachrichten und denke mir: Hoffentlich ist nicht schon wieder etwas passiert", sagt Khalid El-Abdaoui. Der Islamwissenschafter und Religionspädagoge an der Universität Innsbruck erklärt, dass es innerhalb der muslimischen Community zwei Positionen gebe. "Die einen sagen: ‚Warum sollen wir uns distanzieren? Wir haben doch gar nichts damit zu tun!‘ Das ist durchaus verständlich. Es distanzieren sich ja auch nicht alle Österreicher kollektiv, wenn ein Landsmann ein Verbrechen verübt. Die anderen meinen, man muss etwas tun und ein Zeichen setzen, dass die muslimische Gemeinde insgesamt zum Opfer solcher Taten wird."

"Wie sollen wir
darauf reagieren?"

Die Islamische Glaubensgemeinschaft in Österreich (IGGÖ) hat die terroristischen Anschläge in und um Barcelona "auf das Schärfste"verurteilt. Der Islam rechtfertige niemals Krieg und Terror, heißt es auf der Webseite der IGGÖ. "Jeder Terroranschlag ist auch gleichzeitig ein Anschlag auf die Werte des Islam und auf unser friedvolles Zusammenleben in Österreich." Auch der Zentralrat der Muslime in Deutschland verurteilte den Anschlag: "Es gibt in keiner Religion eine Rechtfertigung für solche Taten."

Von latenten Schuldgefühlen berichtet Islamwissenschafter El-Abdaoui: "Wir als Muslime fühlen uns mit hineingezogen in diese Sache. Islam wird heute fast schon automatisch mit Extremismus verbunden, und wir Muslime stecken da in einer Zwickmühle: Wie sollen wir darauf reagieren?"

"Ich schäme mich!", postete Ahmad Mansour nach dem Anschlag von Barcelona auf Facebook. Der israelisch-arabische Psychologe war als Jugendlicher für radikale Botschaften empfänglich, löste sich aber mit dem Studium von der Autorität des Imams. Er lebt seit Jahren in Deutschland und arbeitet in Deradikalisierungsprojekten. Vom Islam hat sich Mansour nicht losgesagt, aber es überkommt ihn Scham, "mit den Tätern eine Sprache, eine Religion, ein Buch zu teilen. Ich schäme mich, dass das, was mich teilweise ausmacht, ein Ungeheuer schaffen konnte", schreibt er im "Focus".

Die Nicht-Gleichberechtigung der Frau, die Tabuisierung von Sexualität, starke hierarchische Muster und einfache Schwarz-Weiß-Bilder seien Mansour zufolge der Grundstein, auf dem Fundamentalisten aufbauen. Oft hat der Psychologe mit Jugendlichen zu tun, die mit einem traditionellen Islamverständnis aufwachsen, das nicht mit den demokratischen Werten pluralistischer Gesellschaft konform ist. "Generation Allah" nennt Mansour diese Burschen und Mädchen, die teils sogar bereit sind, in den vermeintlich "Heiligen Krieg" zu ziehen.

Mansour nimmt die muslimischen Verbände - also die Gesprächspartner der Politiker - in die Pflicht. Diese würde nur ein formales und oberflächliches Bekenntnis zur Demokratie vertreten, sich aber der innerislamischen Debatte über Werte versperren. Eltern müsste gewaltfreie Erziehung, der Sinn von Spracherwerb, Sexualkunde, Schwimmunterricht und Klassenreisen für Mädchen deutlich gemacht werden. Das setzt aber neue Konzepte bei Jugendämtern und Sozialarbeitern voraus.

"Salafisten sind bessere Sozialarbeiter"

Derweil präsentieren sich die Salafisten als die "besseren Sozialarbeiter". Die radikalen Sunniten geben der oftmals orientierungslosen "Generation Allah" Halt und eine Perspektive; mit der verheerenden Wirkung des Schwarz-Weiß-Denkens ihrer Ideologie. Alles drehe sich darum, was "erlaubt"("halal") und "verboten" ("haram") ist. Für Islamisten beginnt das "wahre" Leben erst nach dem Tod - eine Einladung für Selbstmordattentäter.

Ihnen zu begegnen heiße nicht nur, Tabuthemen wie Patriarchat, Gewalt und Gehorsam als Erziehungsmethoden und die Ungleichheit von Mann und Frau neu zu verhandeln. Die Modelle unserer Väter "passen nicht mehr in unsere moderne Zeit", so Mansour im "Focus". Er verlangt aber noch mehr: Muslime müssten aufhören, die Welt in Muslime und Nicht-Muslime zweizuteilen. Und beginnen, den Koran historisch-kritisch auszulegen.

Ein Vorhaben, das Hamad Abdel-Samad nicht für sonderlich erfolgversprechend hält. Der aus Ägypten stammende Publizist schlug bereits im April in einem Interview mit der "Wiener Zeitung" eine "Emanzipation von der Macht der Texte" des Korans vor. Eine bloße Neuinterpretation jenes Buches, das Muslimen als das direkte Wort Gottes gilt, könne nicht gelingen. Man müsse erkennen, dass man auf die Probleme der modernen Welt nicht mehr mit den Lösungen des siebenten Jahrhunderts antworten könne.

Abdel-Samad, 45, kam im Alter von 23 Jahren nach Deutschland und gilt, was die Vereinbarkeit von Islam und Moderne betrifft, als Schwarzseher. Als drittes von fünf Kindern eines sunnitischen Imams wurde er streng islamisch erzogen. Später wandte er sich von der koranischen Lehre ab und wurde zum scharfen Kritiker seiner Religion: "Der Islam hat einen Geburtsfehler. Es ist die Vermischung von Religion und Staat. Mohammed war nicht nur Prophet wie Jesus, sondern Staatsoberhaupt, Richter, Armeeführer und Polizist." Daraus sei ein Konzept entstanden, in dem Alltag und Politik, Gesetzgebung und Gesellschaft zusammengehören.

Völlig konträr dazu argumentiert Farid Hafez von der Universität Salzburg, derzeit in Berkeley. Der Islam sei vor allem eine Projektionsfläche geworden, er sei in Europa schon lange keine Religion mehr, sagte er nach dem Anschlag auf die Redaktion von "Charlie Hebdo" dem "Standard". Hafez etablierte in Österreich den Ausdruck "Islamophobie" mit. Kritiker wie der Historiker Heiko Heinisch sprechen von einem "Kampfbegriff des islamistischen Lagers, der in einem seriösen Diskurs nichts verloren haben sollte". Abzuwarten ist, welches Lager die Deutungshoheit erlangt.





Schlagwörter

Religion, Islam

Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)


Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2017-08-18 18:39:09
Letzte Änderung am 2017-08-21 14:41:50


Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. Ein toter Journalist, der Kronprinz und die Sündenböcke
  2. "Man müsste Putin in Den Haag anklagen"
  3. Saudi-Arabien gibt Tötung von Journalisten zu
  4. Was bedeutet der UNO-Migrationspakt?
  5. Europa und Asien zeigen Flagge gegen Trumps Kurs
  6. Die Agenten fürs Grobe
  7. Chaos und Gewalt bei Wahl in Afghanistan

Werbung




Werbung