• vom 02.11.2017, 08:30 Uhr

Weltpolitik

Update: 02.11.2017, 09:24 Uhr

Ägypten

"Stabilisierung ist nicht per se gut"




  • Artikel
  • Lesenswert (4)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Anja Stegmaier

  • Die ägyptische Politologin Rabab El-Mahdi darüber, was vom Protest 2011 geblieben ist, soziale Ungerechtigkeit und die Macht des Militärs.



Der Tahrir-Platz in Kairo 2011: Einst Zentrum der Proteste des Arabischen Frühlings.

Der Tahrir-Platz in Kairo 2011: Einst Zentrum der Proteste des Arabischen Frühlings.© Reuters/Abd El Ghany Der Tahrir-Platz in Kairo 2011: Einst Zentrum der Proteste des Arabischen Frühlings.© Reuters/Abd El Ghany

"Wiener Zeitung": Ägypten war eines der Zentren des Arabischen Frühlings 2011. Was ist von den Forderungen der Revolution übergeblieben?

Rabab El-Mahdi: Auf der Ebene des politischen Regimes hat sich natürlich rein gar nichts geändert - es ist sogar schlimmer geworden. Aber der Geist der Revolution ist nach wie vor da. Vor allem das Verständnis der jungen Generation, wie ein Land sein sollte hat sich verändert. Historisch gesehen haben sich Gesellschaften immer verändert. Es gibt natürlich Rückschläge. Aber lässt man einmal den Geist aus der Flasche, lässt er sich nicht mehr einfangen.

Die Veränderung findet statt, braucht aber Geduld?

Rabab El-Mahdi ist Associate Professor am Department of Political Science der American University in Kairo.

Rabab El-Mahdi ist Associate Professor am Department of Political Science der American University in Kairo.© Foto: Privat Rabab El-Mahdi ist Associate Professor am Department of Political Science der American University in Kairo.© Foto: Privat

Absolut. Wenn wir uns die Geschichte der Welt anschauen, etwa jene Europas: Wie viele Revolutionen hat es für diese Entwicklung gebraucht? Denken wir an die Französische Revolution und an 1848. Und dann wiederum an die Zeit des Faschismus - man hätte damals denken können: Das wird hier nie was. Aber Veränderung braucht Zeit - besonders diese Art der monumentalen Veränderung. Das geht nicht mit einem Regime-Wechsel allein, von einem Präsidenten zum anderen.

Gibt es immer noch Protest, der sich organisiert?

Nein, es gibt keinen Protest in irgendeiner Form. Das Level der Repressionen und der Preis für Protest sind einfach viel zu hoch. Die Menschen sind auch müde - sie haben von 2011 bis 2013 protestiert - und es kam nicht viel dabei heraus. Die Leute sind auch erschöpft und demotiviert.

Der Protest 2011 hatte verschiedene Motivationsgründe. Die Jugend hadert nach wie vor mit hoher Arbeitslosigkeit und Perspektivlosigkeit. Welche Rolle spielt das heute?

Es ist zu kurz gedacht, zu sagen: Die Leute sind arbeitslos, deswegen protestieren sie. In Ägypten gingen damals auch viele Leute der Mittelklasse, die angestellt waren und ein relativ angenehmes Leben führen konnten, auf die Straße. Es geht um viel mehr als die wirtschaftliche Situation. Die Slogans der Revolution waren: Freiheit, Würde und soziale Gerechtigkeit. An all diesen drei Fronten wurde nichts erreicht. Wirtschaftlich gesehen, hat sich die Situation noch verschlimmert: Die Entwertung der Währung, der neue Kredit des Internationalen Währungsfonds IWF, um uns über Wasser halten zu können - wir haben aktuell eine monatliche Inflationsrate von 32 Prozent!

Was hat zu dieser Situation geführt?

Das Sozialsystem mit universeller Gesundheitsversorgungund Bildung hat Jahrzehnte versagt - es wurde kein Geld investiert. Die Regierung hat in den 1970ern einen liberalen Kurs eingeschlagen. In den 90er und 00er Jahren wurde dieser Weg fortgesetzt. Das hat das Leben der Menschen stark beeinflusst - soziale Mobilität, Bildung, Arbeitsplätze und Gesundheit haben sich verschlechtert. Ungleichheit ist ein sich selbst perpetuierender Kreis: Fällst du einmal in die Armut, ist es nahezu unmöglich, wieder herauszukommen. Immer mehr Leute sind auf der Strecke geblieben. Diverse Regierungen waren nur daran interessiert, das BIP-Wachstum zu erhöhen. Aber der Reichtum konzentrierte sich in der oberen Gesellschaftsschicht. Der Glaube, dass ein Teil des Reichtums der Oberen nach unten sickert, ging nicht auf. Es kam unten nichts an. Selbst der IWF gibt das zu.

Was braucht es, um das Land zu stabilisieren?

Stabilisierung ist nicht per se gut. Hosni Mubarak galt jahrzehntelang als Garant für Stabilität. Eine korrupte und verdorbene Situation zu stabilisieren kann aber in niemandes Interesse sein. Wir sollten uns weniger um die Stabilisierung sorgen als um Reformen. Wie können wir diese Situation dahin ändern, dass es weniger Unterdrückung und bessere Chancen für die Menschen gibt, ein würdiges Leben zu führen? Da ist es zunächst notwendig, dass das Regime die Lektionen der jüngsten Vergangenheit lernt. Die internationale Gemeinschaft muss sich auch lautstark dazu äußern. Aber am Ende des Tages muss die Veränderung von innen kommen. Die ultimative Verantwortung liegt bei uns.

Ist das denn überhaupt mit Präsident Abdel Fattah al-Sisi möglich?

Es ist wohl höchst unwahrscheinlich, weil das Regime ziemlich entschlossen ist. Aber einige Elemente des Regimes haben sich geöffnet, ebenso wie Elemente der Gesellschaft immer weiter werden. Ich bin vorsichtig optimistisch. Wie gesagt, der Geist ist aus der Flasche, auch wenn er schlummert. Und weil sich die Situation auf so vielen Ebenen verschlechtert hat. Es kann von hier aus eigentlich nur noch besser werden. Wir haben den Tiefpunkt erreicht.

Organisiert sich in irgendeiner Art eine echte Opposition?

Die Glut der Veränderung schwelt noch. Die politische Opposition ist nahezu unsichtbar. Es gibt keine starken Parteien. Aber es gibt junge Künstlervereinigungen, Studentenverbindungen. Es gibt durchaus Diskussionen in der öffentlichen Sphäre. Das mündet jetzt oder im nächsten Jahr nicht in eine organisierte Gegenbewegung, aber das kann der Ausgangspunkt für eine echte Opposition in den nächsten vier Jahren sein.

Das Militär ist sehr mächtig- wie wird sich das weiter entwickeln?

Es wird weiter diese sehr mächtige und privilegierte Stellung haben. Das hat mit der Geschichte zu tun - die Militärs waren in der postkolonialen Gesellschaft die Gründungsväter des Staates. Letztlich müssen wir aber die Grenzen klären, innerhalb derer das Militär agieren darf, politisch wie wirtschaftlich.


weiterlesen auf Seite 2 von 2




Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)


Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2017-11-01 19:05:08
Letzte Änderung am 2017-11-02 09:24:03


Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. Trump entfacht neuen Proteststurm
  2. Basra brennt - Aufstand der Jungen im Irak
  3. Tote bei Angriff auf Militärparade
  4. Das Focaccia-Problem
  5. "Spiel mit dem Feuer"
  6. Der Kampf um Land als ethnischer Konflikt
  7. Vertreibung der Rohingya ist Völkermord

Werbung




Werbung