• vom 15.02.2018, 18:12 Uhr

Weltpolitik

Update: 15.02.2018, 19:08 Uhr

Türkei

Partnerschaft ohne Vertrauen




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Von Can Merey und Michael Donhauser

  • Besuch von US-Außenminister Tillerson in der Türkei steht im Zeichen der Differenzen über die Kurdenmiliz YPG.

Türkische Truppen rollen Richtung Nordsyrien.

Türkische Truppen rollen Richtung Nordsyrien.© afp/Haj Kadour Türkische Truppen rollen Richtung Nordsyrien.© afp/Haj Kadour

Ankara/Beirut/Brüssel. (dpa) Die "osmanische Ohrfeige" ist der Legende nach eine Taktik, die dafür trainierte Soldaten des osmanischen Heeres im Nahkampf anwendeten. Feinde und sogar Pferde soll der gewaltige Schlag mit der flachen Hand niedergestreckt haben, der psychologische Effekt auf gegnerische Truppen soll erheblich gewesen sein.

Die legendäre Watsche ist traditionell nichts, was man befreundeten Besuchern in Aussicht stellt. Vor einer Visite von US-Außenminister Rex Tillerson in Ankara drohte Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan den US-Truppen in Syrien dennoch damit - was darauf hinweist, wie es um die bilateralen Beziehungen bestellt ist.


Tillerson traf am Donnerstagabend in Ankara mit Erdogan zusammen, das Gespräch dürfte frostig verlaufen sein. In seiner zunehmend vehementen Kritik an den USA nimmt Ankara schon lange kein Blatt mehr vor den Mund. Ein Auftritt Tillersons mit seinem Kollegen Mevlüt Cavusoglu ist für heute, Freitag, bei einer Pressekonferenz geplant.

Zwar schwelt auch die Krise zwischen der Türkei und Deutschland weiter. Hauptziel von Erdogans verbalen Attacken sind aber längst die Amerikaner geworden. Der Konflikt zwischen Washington und Ankara eskaliert in so atemberaubendem Tempo, dass sogar eine militärische Konfrontation nicht ausgeschlossen scheint: Im syrischen Manbij könnten sich bald Truppen der beiden Nato-Partner gegenüberstehen.

Manbij steht inzwischen exemplarisch für den größten Streitpunkt zwischen Washington und Ankara: Die US-Unterstützung für die Kurdenmiliz YPG in Nordsyrien. 2016 hatte ein von der YPG geführtes und den USA unterstütztes Bündnis die Stadt von der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) befreit. Die YPG ist aus Sicht Ankaras dagegen eine Terrorgruppe, die die Türkei bedroht.

In Afrin westlich von Manbij hat die türkische Armee am 20. Jänner eine Offensive gegen die YPG begonnen. Erdogan hat angekündigt, danach werde auf Manbij marschiert, auch wenn dort US-Truppen sind. Die "New York Times" zitierte vor kurzem einen US-General bei einem Besuch in Manbij, der mit Blick auf die Türkei sagte: "Wenn ihr uns angreift, werden wir hart reagieren. Wir werden uns verteidigen." Erdogan erwiderte: "Es ist ganz klar, dass diejenigen, die sagen "Wir reagieren hart, wenn sie uns angreifen", in ihrem Leben noch keine osmanische Ohrfeige verpasst bekommen haben."

Streit gibt es aber nicht nur wegen der YPG, sondern auch in vielen weiteren Punkten: So fordert die Türkei beispielsweise vergeblich die Auslieferung des Predigers Fethullah Gülen aus den USA, den Erdogan für den Putschversuch vom Juli 2016 verantwortlich macht. Die US-Regierung verlangt die Freilassung inhaftierter US-Staatsbürger und türkischer Mitarbeiter von diplomatischen Vertretungen der USA.

Der Besuch Tillersons in Ankara zeige aber, dass beide Seiten weiterhin gewillt seien, sehr offen miteinander zu reden, hieß es aus dem Außenministerium in Washington. "Es ist alles kompliziert genug, lasst es uns nicht noch komplizierter machen", sagte ein hochrangiger Ministeriumsvertreter mit Blick auf die Gemengelage im Nahen Osten.




Schlagwörter

Türkei, USA, Syrien, YPG

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-02-15 18:17:24
Letzte Änderung am 2018-02-15 19:08:46


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