• vom 27.02.2018, 17:55 Uhr

Weltpolitik

Update: 27.02.2018, 21:16 Uhr

Demokratie

Demokratie weltweit unter Druck




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Von Thomas Seifert

  • Experten sehen die Demokratie massiv gefährdet. Österreich liegt aber unter den Top-15 der "vollen Demokratien".



London/Washington/Wien. "Es ist seltsam mit der Demokratie: Jeder scheint sich danach zu sehnen, aber keiner glaubt mehr daran", schreibt der belgische Autor und Historiker David Van Reybrouck in seinem Buch "Gegen Wahlen - Warum Abstimmen nicht demokratisch ist". Er bezieht sich darauf, dass in den groß angelegten Studien, wie etwa dem World Values Survey, bei dem in den vergangenen Jahren mehr als 73.000 Menschen aus 57 Ländern befragt wurden, nicht weniger als 91,6 Prozent die Frage, ob Demokratie eine gute Art und Weise sei, das Land zu regieren, bejahen. Van Reybrouck hält diese Demokratiebegeisterung für "schlichtweg spektakulär, zumal wenn man bedenkt, dass die Demokratie vor noch nicht einmal siebzig Jahren besonders schlecht dastand. Am Ende des Zweiten Weltkriegs gab es auf der Welt infolge von Faschismus, Kommunismus und Kolonialismus lediglich zwölf vollwertige Demokratien. Die Zahl stieg langsam an. 1972 existierten 44 freie Staaten, 1993 waren es 72. Heute sind von insgesamt 195 Ländern 117 Wahldemokratien."

Noch nie zuvor gab es so viele Demokratien - und dennoch ist die Demokratie weltweit in der Krise. Aus den Daten des World Values Survey geht nämlich auch hervor, dass in den vergangenen zehn Jahren der Ruf nach starken Führern, "die keine Rücksicht auf Wahlen oder das Parlament zu nehmen brauchen", weltweit lauter geworden ist und dass das Vertrauen der Bürgerinnen und Bürger in Parlamente, Regierungen und politische Parteien auf einem historischen Tiefstand ist. Van Reybrouck schreibt in seinem Buch "Gegen Wahlen": "Es scheint, dass man der Idee Demokratie zwar gewogen ist, aber nicht deren Praxis oder zumindest nicht der heutigen Praxis."


Der Tod der Demokratie?
Besonders ernüchternd ist, dass in Ländern, in denen die Demokratie zum Teil blutig erkämpft worden ist - wie etwa in Ungarn oder Polen -, diese nun auf dem Prüfstand steht. Der Arabische Frühling, der die Hoffnung auf einen Demokratieschub im Nahen Osten nährte, ist zum arabischen Winter erstarrt. Und die etablierten Demokratien Westeuropas und der USA werden von einer stillen Revolte erschüttert: Nicht wenige Wählerinnen und Wähler stimmen für Politiker, die versprechen, das System der liberalen Demokratie zu zerstören. Der britische Journalist Edward Luce, Chefkommentator der "Financial Times" für die USA, warnt in seinem viel diskutierten Buch "The Retreat of Western Liberalism" davor, davon auszugehen, dass in der Post-Trump-Ära schon wieder alles gut werde: Es könne genausogut sein, dass US-Präsident Donald Trump "die Schuld auf die Eliten, Ausländer, den Islam, Minderheiten, Richter und andere Saboteure schiebt. Denn so arbeiten Populisten". Luce zeichnet ein pessimistisches Bild. Denn einerseits würden die Populisten das Vertrauen in die Demokratie massiv schwächen, andererseits würde auch eine an Oikophobie (Hass auf das Eigene, Antonym zu Xenophobie, Hass auf das Fremde, Anm.) leidende Elite der Demokratie immer mehr misstrauen.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-02-27 17:59:34
Letzte Änderung am 2018-02-27 21:16:18


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