• vom 13.03.2018, 17:51 Uhr

Weltpolitik

Update: 13.03.2018, 18:42 Uhr

Interview

"Die Russen wollen kein zweites 1991"




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Von WZ-Korrespondentin Simone Brunner aus Moskau

  • Warum die meisten Russen mit der Politik unzufrieden sind, sich aber nicht gegen ihren Präsidenten stellen.

"Wir wissen schon jetzt, wie die Wahlen ausgehen werden", meint Lilija Schewzowa. - © ap/Zemlianichenko

"Wir wissen schon jetzt, wie die Wahlen ausgehen werden", meint Lilija Schewzowa. © ap/Zemlianichenko





"Wiener Zeitung": Es gibt eigentlich keinen Zweifel daran, dass Präsident Wladimir Putin am Sonntag die Wahlen gewinnen wird, in Umfragen liegt er bei 70 Prozent. Warum ist das so?

Lilija Schewzowa: Natürlich wissen wir schon jetzt, wie die Wahlen ausgehen werden. Erstens werden die "budgetniki" (Staatsbedienstete, Anm.) für Putin stimmen, weil sie nun mal vom Staat abhängig sind. Zweitens halten ihn viele für das geringe Übel oder sehen einfach keine Alternative zu ihm. Putin ist der mit Abstand beliebteste Politiker Russlands. Immerhin hatte er aber schon 18 Jahre Zeit, um jeden potenziellen Konkurrenten aus dem Weg zu räumen. Und der wichtigste Punkt: Die Russen haben Angst, dass der Kollaps des Putin’schen Systems zugleich den Kollaps des Staates bedeuten könnte. Deswegen werden ihn vor allem Menschen in den Provinzen wählen. So sind das eigentlich keine wirklichen Wahlen, sondern eher ein Plebiszit, um das Regime zu bestätigen. Andererseits halten aber 65 Prozent der Menschen den Machtapparat für ineffektiv und 70 Prozent sogar für korrupt. Ich bezweifle, dass Putin in den großen Städten wie Moskau und St. Petersburg mehr als 30 Prozent der Stimmen bekommen wird.

Information

Lilija Fjodorowna Schewzowa (geboren am 7. Oktober 1951 in Lemberg, Ukrainische SSR) ist eine russische Politikwissenschafterin, Journalistin und Autorin. Sie studierte Geschichte und Journalismus in Moskau und war danach Direktorin des Moskauer Zentrums für Politische Studien und stellvertretende Direktorin am Moskauer Institut für Internationale Wirtschaftliche und Politische Studien. In den frühen 90er Jahren war sie zwei Jahre als Professorin an amerikanischen Universitäten - in Berkeley, Kalifornien und an der Cornell-Universität im Bundesstaat New York - tätig. Von 1995 bis 2014 arbeitete sie am US-Thinktank Carnegie Endowment for International Peace, seit 2014 ist sie für die US-Denkfanbrik Brookings Institution in Washington tätig.

Wie unterscheiden sich diese Präsidentschaftswahlen von jenen 2012?

Heute leben wir in einer Rezession. Die Menschen haben die Hoffnung auf ein Eldorado unter Putin aufgegeben. Russland befindet sich das vierte aufeinanderfolgende Jahr in einer soliden Krise, die staatlichen Budgets schrumpfen. Der Staat wird noch immer noch von Korruption geplündert, zugleich leben schon rund 20 Millionen Menschen in Armut, laut manchen Schätzungen sind es sogar noch mehr. 2012 haben wir noch in einem relativen Wohlstand gelebt. Laut einer Umfrage des Gaidar Institute for Economic Policy wollen 70 Prozent der Russen eine Veränderung.

Trotzdem wirkt das System so stabil wie noch nie.

Das stimmt. Das Problem ist, dass die Menschen über die Frage uneins sind: Welche Veränderungen wollen wir? Wollen wir soziale und wirtschaftliche Veränderungen? Oder neue politische Institutionen, ein neues Establishment? Wollen wir einen Bruch oder eine schrittweise Veränderung? Dass das System heute so stabil ist, liegt nicht in erster Linie an einem Mangel von Opposition, sondern an der atomisierten Gesellschaft insgesamt. Menschen, die die Fähigkeit verloren haben, sich zusammenzuschließen und den Staat mit ihren Forderungen zu konfrontieren. Das ist durchaus vom Kreml gewollt. Andererseits, und das ist eine russische Besonderheit, fürchten sich die Russen vor dem Chaos. Sie wollen Veränderung, zugleich haben sie aber Angst, dass das zu Chaos führen könnte. Man kann das kognitive Dissonanz nennen, eine Art sozialer und politischer Neurose. Es ist ein bisschen wie am Ende der Achtzigerjahre: Einerseits sind viele verzweifelt und sagen: Genug ist genug! My chotim peremen! ("Wir wollen Veränderung!", nach einem Lied des sowjetischen Rock-Sängers Wiktor Zoj, Anm.) Aber andererseits wollen sie auch nicht, dass sich die Neunziger wiederholen. Sie wollen kein zweites 1991 erleben (Jahr des Zerfalls der Sowjetunion, Anm.).




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Dokument erstellt am 2018-03-13 17:56:47
Letzte Änderung am 2018-03-13 18:42:05


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